Zurück zum guten Stoff

Von Redaktion ·

Ab 2018 dürfen keine Altkleider mehr in die Staaten der Ostafrikanische Gemeinschaft importiert werden. Wie dort eine eigene Textilindustrie aufgebaut werden soll, berichtet Simone Schlindwein.

Der Vorhang öffnet sich und das erste Model beschreitet den Laufsteg. Ein Raunen geht durch das Publikum. Die Bänke im Zuschauerraum von Ugandas Nationaltheater sind voll besetzt: Junge ModedesignerInnen und Fashionbegeisterte aus der ganzen Region sind in Ugandas Hauptstadt Kampala gereist – aus Burundi, Ruanda, Tansania, und aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo –, um an diesem Wochenende im vergangenen Juni das alljährliche ostafrikanische Kulturfestival Jamafest zu feiern. In diesem Jahr dreht sich auf dem größten Kulturevent Ostafrikas alles um Mode. Das hat seinen Grund. Die Ostafrikanische Gemeinschaft (EAC, Mitgliedsstaaten: Kenia, Uganda, Südsudan, Burundi, Ruanda, Tansania) hat 2016 entschieden, bis Ende 2018 den Import von billiger Second-Hand-Kleidung per Gesetz zu stoppen.

Damit zieht Ostafrika nun bei dem nach, was andere Länder wie Ghana, Äthiopien und Ägypten bereits vorgemacht haben.

Die OstafrikanerInnen sollen wieder heimische Kleidung tragen. Man will per Gesetz die Wirtschaft ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen. Die lokal kultivierte Baumwolle soll vor Ort verarbeitet und nicht billig in den Westen oder nach Asien verschifft werden, wo T-Shirts, Hosen und Kleider hergestellt werden, die am Ende ihrer Gebrauchszeit als Hilfsgüter wieder auf dem afrikanischen Kontinent landen.

Rückbesinnung. Eine hochgewachsene Frau stöckelt auf die Bühne in Ugandas Nationaltheater. Im Hintergrund hallt der Rhythmus von Trommeln. Miss Burundi präsentiert ein knielanges Kleid aus einem braunroten faserigen Gewebe, gewonnen aus der Rinde eines für Ostafrika typischen Baumes. „Borke“ heißt der Stoff, den traditionell die Tutsi-Könige und deren Krieger vor der Kolonialzeit trugen, bevor die europäischen Kolonialherrscher und Missionare den AfrikanerInnen ihre Vorstellung von Kleidung aufzwangen. „Die Rückbesinnung auf Mode und Stoffe der vorkolonialen Zeit ist ein wichtiger Schritt in der Dekolonisierung in den Köpfen“, sagt die berühmte burundische Modedesignerin Annick Kabatesi nach der Vorführung.

Niedergang eines Sektors

Die Baumwollproduktion wurde in Afrika während der Kolonialzeit eingeführt, vor allem von britischen Händlern, die zuvor Baumwolle in Indien anbauen ließen. Bis heute sind Ghana, Nigeria und Uganda führend in der afrikanischen Baumwollproduktion, auch aufgrund gentechnisch veränderter Setzlinge.

Bis in die 1980er Jahre war die Textilindustrie Afrikas Wirtschaftsmotor. Allein in der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) waren eine halbe Million Menschen in Spinnereien beschäftigt. Mit der Schuldenkrise und dem wirtschaftlichen Niedergang der EAC, gefördert durch Korruption, Krisen und Misswirtschaft, wurden viele Produktionsstätten geschlossen. In der EAC arbeiten heute nur noch 20.000 Menschen in diesem Sektor. Die Firmen konnten der Konkurrenz durch die Altkleiderimporte nicht standhalten. Laut Zahlen des International Trade Centers importierten die afrikanischen Länder insgesamt zuletzt pro Jahr gebrauchte Kleidung im Wert von mehr als einer Milliarde US-Dollar. S.S.

Die 34-jährige Jungunternehmerin ist mit ihrem Modelabel „Murundikasi“ weit über die Grenzen des kleinen, krisengeplagten Landes hinaus bekannt. Ihre Kollektionen verkauft sie mittlerweile per Internet bis nach Europa und die USA. In Ostafrika sind wie überall auf dem Kontinent gute Kleidung und ein guter Stil Statussymbole. Wer am Sonntag eine Kirche betritt oder eine Hochzeit besucht, der sieht Frauen in aufwendig genähten Kleidern und passenden Kopftüchern, typisch afrikanisch in bunten Farben und Mustern.

Im Alltag Second-Hand. Doch afrikanische Kleider werden nur zu besonderen Anlässen getragen. Im Alltag schlüpft vor allem die arme Bevölkerung in Second-Hand-Ware aus den Spendencontainern europäischer Hilfswerke wie Volkswerke, Caritas, Kolping oder Humana.

Über 80.000 Tonnen Altkleider fallen pro Jahr allein in Österreich an. Nicht einmal zehn Prozent davon werden in Österreich an Bedürftige verteilt, der Rest geht an Betriebe, die die Altkleiderberge nach vier Qualitätskategorien sortieren. Die gut erhaltene Ware wird meist in Europa weiterverkauft, die ganz schlechte weggeworfen. Der Großteil wird verpackt und dann von Logistikfirmen in Containern nach Afrika verschifft. Das Meiste landet auf Märkten – in Uganda auf dem Owino-Markt, dem berühmten Altkleidermarkt mit Billigpreisen.

Als „Mitumba“ werden die verschnürten Ballen in der Regionalsprache Kisuaheli bezeichnet. Allein aus den USA wird jährlich Second-Hand-Kleidung im Wert von 124 Millionen US-Dollar in die EAC verschifft. Lediglich zehn Prozent der in der EAC produzierten Baumwolle wird lokal verarbeitet, 90 Prozent gehen in den Export. Ostafrikas Hauptproduzent ist mit knapp 65.000 Tonnen pro Jahr Uganda. Obwohl die Produktionsmenge jährlich steigt, verdienen die Bäuerinnen und Bauern stetig weniger, weil der Weltmarktpreis für Rohbaumwolle derzeit niedrig ist.

Umstrittene Entscheidung. Der Importstopp von gebrauchten Kleidungsstücken ist innerhalb der EAC umstritten. Der Grund: Die USA haben als Reaktion mit der Einhebung von Importzöllen auf ostafrikanische Waren gedroht. Kenia hat angekündigt, den Einfuhrstopp hinauszuzögern. Ruandas Präsident Paul Kagame sprach sich hingegen dafür aus, sich an die Entscheidung zu halten.

Afrikanische ÖkonomInnen fürchten wiederum, dass die heimische Industrie die Nachfrage nicht decken kann und empfehlen, noch ein paar Jahre zu warten. Ugandas Handelsministerin Amelia Kyambadde ist für den Importstopp: „Wir haben nur zwei lokale Textilfabriken. Den Import zu verbieten ist der beste Weg, die Industrie zu fördern“, sagt sie. Dazu wird in Uganda ein Industriepark aufgebaut. Investoren sollen in die Textilindustrie einsteigen. „Das ist der beste Weg, Arbeitsplätze zu schaffen“, meint Kyambadde.

Guter Beruf. Die Schneiderin Pauline Nabukeera klemmt ein Stück bunten Stoff unter den Fuß ihrer Nähmaschine und tritt mit ihrem eigenen Fuß das Pedal an. Mit feinen Stichen näht sie den Ärmel eines Kleides an, das eine Kundin für eine Hochzeitsfeier bestellt hat. Nabukeeras 17-jährige Tochter Patricia Nabunna sitzt daneben, schneidet das Tuch zurecht, aus welchem der Rock gefertigt werden soll.

Nabukeera unterhält in Kampalas ärmlichem Vorstadtviertel Kamwokya nicht nur eine gut laufende Schneiderei, sondern auch eine Art kleine Berufsschule. Über 20 jungen angehenden Schneiderinnen und Schneidern bringt sie hier täglich im Schichtbetrieb bei, wie sie nicht nur Löcher in billigen T-Shirts stopfen, sondern traditionelle Hochzeitskleider und die in Uganda typischen Umhänge „Kanzu“ für Männer fertigen.

Nabukeera ist zufrieden: „Die Schneiderei ist ein wirklich guter Beruf für uns Frauen. Ich kann das Baby in meine Werkstatt mitnehmen und ich verdiene gut“, sagt sie. Das ist eine Seltenheit auf einem Kontinent, wo die Mehrheit der jungen Menschen keine Arbeit findet, auch die der gut ausgebildeten. Tochter Patricia hat eben die Sekundarschule beendet und will jetzt Modedesign studieren. Die Mutter lächelt stolz: „Der Importstopp kann eine gute Chance für uns sein.“

Simone Schlindwein ist freie Journalistin in der Region der Großen Seen in Afrika.

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