Zustimmung

Von Clara Steinkellner ·

Leitartikel 6/2006

Danke für den Leitartikel zur „Solidarität“, er spricht mir aus der Seele! Auch ich war unter den vielen tausend jungen Menschen bei Hugo Chávez’ Ansprache in der Arena und bin, wie viele meiner Freunde und Internationale-Entwicklung-StudienkollegInnenen, mit sehr gemischten Gefühlen nach Hause gegangen.
Es war ein Erlebnis, bei Vollmond und unterm Sternenhimmel rote Che-Guevara-Fahnen zu schwenken und laut von einer besseren Welt zu träumen. Lateinamerika trifft die Europäische Union, die USA muss zuschauen – Chávez hat es geschafft, diesen weltbewegenden Augenblick einzufangen und mich für einen Moment ganz zu begeistern: Er hat das Gefühl vermittelt, „Hier und Jetzt“ wird Geschichte geschrieben, beginnt eine neue Zeit.
Aber die Unmengen von Bierbechern am Boden zerstörten die Romantik. Die ungeheure Kluft zwischen dem, wovon wir sprechen, und dem, was wir tun, war plötzlich nicht mehr zu übersehen: Wir wettern gegen die Multinationalen Konzerne – aber wo verdiene ich mein Geld, wo gebe ich es aus? Wir verdammen den ausbeuterischen Kapitalismus, aber wo kann ich auf Gewinnmaximierung verzichten? Wir wollen die Welt ordnen, aber haben wir es geschafft, die Veranstaltung an diesem Abend befriedigend zu organisieren? Wir verurteilen das Terrorregime der Mächtigen, aber habe ich mich selbst von lähmenden Ängsten befreit? Wir brüllen „Internationale Solidarität“ – aber wie oft gehe ich den kleinen Möglichkeiten zur Solidaritätsbekundung feig aus dem Weg?
Seit dem 12. Mai glaube ich nicht mehr an die große Revolution. Wenn es heute noch echte Revolutionen gibt, dann solche, die jeder mit und bei sich, in seinem eigenen Lebensumfeld starten kann – um das Leben geistig freier, rechtlich gleicher und wirtschaftlich brüderlicher zu gestalten.
Welt-Verändern und Sich-Selbst-Verändern ist eins – und Verändern, Verbessern, Entwickeln ist noch nie einfach gewesen. Ernüchternd, oder?
Vielleicht muss ich doch noch auf Chávez zurückkommen: Er hat uns das Bild von den vielen kleinen Wassertropfen mitgegeben, die – manche in reißenden Sturzbächen, andere in kleinen Rinnsalen, wieder andere in mächtigen Strömen – allen Hindernissen zum Trotz ihren Weg zum Meer finden.
Clara Steinkellner
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