Zwei Welten

Von Robert Poth ·

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Spaltung der weltweiten Zementmärkte akzentuiert: Stabiles oder starkes Verbrauchswachstum im Süden, Stagnation und Schrumpfung im Norden.

Als Lieferant der Bauwirtschaft ist die Zementindustrie eines der Hauptopfer der Finanz- und Wirtschaftskrise, die mit dem Kollaps des Wohnbausektors in den USA 2007 ihren Anfang nahm. Der folgende Einbruch der Baustoffmärkte in weiteren reichen Ländern, besonders in Großbritannien oder Spanien, wo der Zementverbrauch derzeit wieder auf den Stand von 1997 gefallen ist, aber auch in Osteuropa und Russland, erreichte eine bisher einmalige Tiefe und Dimension. Selbst die Nr. 1 der Welt, der französische Konzern Lafarge, verzeichnete im ersten Halbjahr 2009 wegen der "schwierigen Marktbedingungen" in Europa und Nordamerika einen Umsatzrückgang bei Zement von zehn Prozent, der Gewinn brach um 50% ein.

Dabei steht Lafarge noch vergleichsweise gut da. Lafarge hatte sich zwar auch an der schuldenfinanzierten Konsolidierungswelle beteiligt, die von den günstigen Finanzierungskonditionen in den vergangenen Boomjahren gefördert wurde, und im Dezember 2007 fast 13 Mrd. US-Dollar für den Zementbereich der ägyptischen Orascom hingelegt. Doch zwei der Hauptkonkurrenten kauften sich stattdessen in die Krisenmärkte ein: HeidelbergCement berappte 2007 11,5 Mrd. Dollar für den britischen Baustoffkonzern Hanson; der mexikanische Baustoffkonzern Cemex schluckte im selben Jahr den australischen Konkurrenten Rinker 2007 um mehr als 14 Mrd. Dollar, um seine Position am US-Markt zu stärken.



Top-5 Zementhersteller
  Zementabsatz 2008, Mio. Tonnen Stammsitz Weltweite Präsenz (Zahl der Länder) Gegründet
Lafarge 155 Paris 79 1833
Holcim 143 Zürich >70 1912
HeidelbergCement 89 Heidelberg 50 1873
Cemex 87 Nuevo Laredo (Mexiko) >50 1906
Anhui Conch 81,7*) Wuhu / Anhui (China) China 1997
Quelle: Global Cement Report 8th Edition, April 2009; Finanzberichte der Unternehmen

*) nur Klinker (siehe "Fakten" Seite 30).



Diese Expansionsstrategie erwies sich in der Folge als fatal. HeidelbergCement musste langwierige Refinanzierungsverhandlungen mit den Banken führen, um eine Überschuldung zu vermeiden. Am schlimmsten traf es aber Cemex aufgrund der starken Abhängigkeit des Konzerns vom US-Markt. Unter dem Damoklesschwert der Zahlungsunfähigkeit musste sich der Konzern von Beteiligungen trennen, um möglichst rasch zwei Mrd. Dollar aufzubringen, darunter die Rinker-Aktivitäten in Australien, die von Holcim, der Nr. 2 der Welt erworben wurden; das Investitionsprogramm wurde rigoros zusammengestrichen.

Die Krise und ihre Folgen haben die bereits bestehende Diskrepanz auf den weltweiten Zementmärkten weiter verschärft. Beinahe unbeschadet von der Krise im Norden nahm der Zementabsatz im Süden 2008 weiter zu (siehe Tabelle). Die Entwicklungs- und Schwellenländer repräsentieren mittlerweile ca. 85% des weltweiten Markts, dominiert von China mit einem Anteil von knapp 50%.

Jedenfalls hat die Krise die Sinnhaftigkeit der von den multinationalen Baustoffkonzernen verfolgten Globalisierungsstrategie bestätigt. Die Zwischenberichte der vier großen westlichen Baustoff- und Zementriesen für das erste Halbjahr 2009 zeigen, dass sie den Umsatzeinbruch in den USA und Europa durch stabile oder wachsende Umsätze in Entwicklungsländern (vor allem in Asien) zum Teil kompensieren konnten.


Beherrschendes Thema der Unternehmensausblicke sind, nicht überraschend, die möglichen Effekte der staatlichen Konjunkturprogramme auf die Nachfrage. Nach einer Schätzung des Kreditversicherers Euler Hermes entfallen 355 Mrd. Dollar der weltweiten Konjunkturspritzen im Jahr 2009 auf den (besonders "betonintensiven") Tiefbau, was 7% des weltweiten Jahresumsatzes der Bauwirtschaft entspricht. In China erreicht der entsprechende Anteil mit 450 Mrd. Dollar in den nächsten beiden Jahren sogar einen Umfang von 40% des Gesamtumsatzes der chinesischen Bauwirtschaft im selben Zeitraum.

In China scheint es auch wunderbar zu funktionieren. Die China Cement Industry Association schätzte Anfang Juli, dass die Zementnachfrage in China sowohl 2009 als auch 2010 um 100 Mio. Tonnen (plus 7%) zunehmen dürfte (übrigens weit mehr als der Gesamtverbrauch in den USA von 2008!). In Indien wird für das seit April laufende Budgetjahr 2010 sogar ein Wachstum von mehr als 13% auf 212 Mio. Tonnen erwartet. In Brasilien wiederum sorgt ein im Frühjahr angekündigtes massives staatliches Wohnbauprogramm ("Minha casa, minha vida" – "Mein Haus, mein Leben") für Optimismus: Bis 2010 sollen eine Million Wohnungen für untere Einkommensschichten errichtet werden.
 

Industrie mit Eigenheiten

  • Zementhersteller sind zumeist Baustoffunternehmen, die neben Zement und Zementklinker auch Betonsorten aller Art, Transportbeton, vorgefertigte Betonteile sowie andere Baustoffe anbieten.
  • Sie betreiben oft Steinbrüche und Kraftwerke; damit können sie überschüssige Energie ins Netz einspeisen und zu Stromversorgern werden.
  • Die Produktionstechnologie wird in der Regel zugekauft, sie ist Eigentum der Ausrüstungsanbieter. Wettbewerbsvorteile beruhen auf der Effizienz der Produktion.
  • Das unternehmenseigene Know-how besteht zusehends aus dem Wissen über Zementmischungen und ihre Eigenschaften (etwa für die Herstellung von Hochleistungsbetonen, aber auch in Hinblick auf die Reduktion der CO2-Emissionen, siehe „Harte Nuss“ Seite 34).
  • Die modernsten Zementwerke stehen heute im Süden, wo die Nachfrage stark wächst und neue Kapazitäten nötig sind; die ältesten findet man eher in Nordamerika.

Ob der weltweite Zementverbrauch 2009 tatsächlich erstmals seit Jahrzehnten sinken wird, wie der US-Branchenverband PCA (Portland Cement Association) noch im Juli erwartete (-1,7% bei +4% in China und Indien), ist also eher fraglich. Auch in Afrika südlich der Sahara wächst die Bauwirtschaft nach Branchenschätzungen um mehr als 20% pro Jahr. Es macht sich nun offenbar auch bezahlt, Zementwerke vor Ort zu errichten, anstatt Zement oder Klinker zu importieren, wie es etwa in Nigeria und Angola geschieht. Die beiden Länder belegten 2008 mit Einfuhren von 8 Mio. Tonnen bzw. 4,3 Mio. Tonnen weltweit noch die Plätze 3 bzw. 9 unter den Zementimportländern (siehe Grafik in "Globalisierung ohne Weltmarkt").

 

Vor dem Hintergrund der rasch steigenden Nachfrage (zuletzt +17% jährlich) ist es etwa einem lokalen Akteur wie Dangote Cement in Nigeria gelungen, in beeindruckender Geschwindigkeit zu einem Großproduzenten aufzusteigen. Dangote Cement, nach eigenen Angaben "Afrikas größtes Zementunternehmen", operiert in Nigeria, Benin und Ghana und will seine mit 14 Mio. Tonnen bezifferte Kapazität (Produktion und Importe) in nächster Zeit um mehr als 11 Mio. Tonnen erweitern. Das Unternehmen betreibt seit 2007 mit der Obajana Cement Plant das größte Zementwerk in Afrika südlich der Sahara (jährliche Kapazität mehr als vier Mio. Tonnen), das übrigens unter Mitwirkung des österreichischen Beratungsunternehmens Austroplan geplant und errichtet wurde. Laut Dangote Cement könnte Nigeria bereits Ende 2010 von Importen unabhängig sein und ab dann sogar zu einem Zementexportland werden.

Die derzeitige führende Stellung europäischer Multis in Afrika südlich der Sahara (siehe "Globalisierung ohne Weltmarkt") ist daher nicht unbedingt gesichert. Auch Unternehmen vom indischen Subkontinent wollen vom starken Wachstum der Bauwirtschaft in Afrika und dem noch bestehenden Angebotsdefizit bei Zement profitieren: Etwa Lucky Cement, der größte Zementhersteller Pakistans, der 2011 sein erstes Auslandswerk überhaupt genau in Afrika in Betrieb nehmen will. Der Wettkampf um den wachsenden Kuchen im Süden dürfte sich also verschärfen.

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