Zwischen Wien und Peking

Nach Jahrzehnten in Österreich ins aufstrebende China zurück? Anlässlich des Films „China Reverse“ sprach Yanna Yannsen mit Menschen aus der chinesischen Community über ihr Leben in verschiedenen Kulturen.

Heute glücklich in Wien: Jinzhu Hu, Feiru Xie und Jiaquian Shan (v.l.) mussten sich ihr Leben in Österreich hart erkämpfen.

Jiaqian Shan gibt sich bescheiden: „Verglichen mit denen, die in den vergangenen Jahren in China Erfolg hatten, sind meine Errungenschaften in Österreich sehr klein“, sagt er in einer Szene im Film „China Reverse“. Shan ist Inhaber von mehreren Restaurants in Wien. Und er ist eine der chinesisch-österreichischen Personen, denen Filmemacherin Judith Benedikt in „China Reverse“ eine Stimme gibt.

Was wäre gewesen, wenn er in China geblieben wäre? Ist Rückkehr eine Option? Diese Fragen schwingen über die ganze Länge des Filmes mit.

Rund 40.000 Menschen mit Wurzeln in China leben Schätzungen zu Folge in Österreich, knapp über die Hälfte davon in Wien. Viele davon aus Zhejiang, einer ostchinesischen Provinz, die zum Ende der Mao-Zeit den Ruf hatte, „dreckig“ und „chaotisch“ zu sein.

Wien, Opernring: Shan sitzt neben Feiru Xie und Jinzhu Hu in seinem Restaurant. Auch die zwei Frauen kommen in „China Reverse“ vor. Selbst wenn der Film eine gewisse Nostalgie für China vermittelt, sind sie sich einig, heute am richtigen Ort zu sein: „Ich bin Österreicherin. Ich will nicht zurückgehen“, sagt Xie. Natürlich sei es schön, die alte Heimat zu besuchen. Im Alltag aber herrsche eine gnadenlose Konkurrenz. Und auch wenn der wirtschaftliche Aufschwung in China das Gefühl vermittle, dass viel möglich sei: Ohne die richtigen politischen Kontakte würde man trotzdem nicht weit kommen.

Die Generation von Shan, Hu und Xie hatte es oft nicht leicht: „Als Kinder wuchsen wir in Armut auf, als Jugendliche erlebten wir die Kulturrevolution“, berichtet Shan. Ab 1966, als Mao Zedong begann, das kommunistische China umzukrempeln und die alte Garde der Kommunistischen Partei zu entmachten, war nicht an eine normale Bildung zu denken. Auf den Universitäten und in den Schulen ging es drunter und drüber. Nach Österreich kamen die drei in den 1980er Jahren schließlich ohne Ausbildung. Shan konzentrierte sich von Anfang an auf die Arbeit. „Andere Ziele hatten wir nicht“, betont er. Jeden Tag arbeitete er 13 Stunden in einem Restaurant, für einen Monatslohn von 5.000 Schilling (heute rund 365 Euro), ohne soziale Sicherheit. Deutsch lernte er in seinen kurzen Arbeitspausen.

Die meisten ihrer ­Generation verbringen viel Zeit in den Vereinen und Tempeln – von Landsleuten für Landsleute. Man liest die eigenen Zeitungen, schmunzelt über Entwicklungen „zu Hause“ – aber zurückgehen wollen die wenigsten.

Eigene Medien und Vereine – das heißt nicht, dass sich die chinesische Community abschottet. Die meisten hätten gerne mehr Kontakt zu anderen Menschen: „Ich habe schon immer wieder mit meinen Stammkunden geplaudert“, betont Hu, die lange ebenfalls ein Restaurant besaß. Mit einigen hätte sie sich auch bestens verstanden. „Aber tiefere Gespräche schaffe ich mit meinen Deutschkenntnissen nicht.“

Kultur-Melange. Auch viele der jüngeren Generation leben in verschiedenen Kulturen. In der Schule hat man etwa österreichische Freunde, arbeitet daneben im chinesischen Restaurant der Eltern und lernt in einer chinesischen Schule am Wochenende intensiv Chinesisch.

In ihrem Buch „Vienna Chinatown Invisible“ widmet sich Fariba Mosleh unter anderem jenen Kindern, die von ihren Familien temporär nach China geschickt und dann nach Österreich zurückgeholt wurden. Da die Eltern lange Stunden arbeiteten, kamen viele Kleinkinder zunächst nach China zu den Großeltern. Bis die Kinder selbstständig genug waren oder die Eltern mehr Möglichkeiten hatten, sich um sie zu kümmern.

Hochchinesisch eignet sich eine zunehmende Zahl von diesen Rückkehrerinnen und Rückkehrern heute auf dem Sinologie-Institut der Universität Wien an. In China haben sie meist nur den regionalen Dialekt gelernt. Dort als Fremde behandelt, bleiben sie auch für viele Menschen in Österreich aufgrund ihres Aussehens für immer „Ausländer“.

Xie sieht keinen Grund zu jammern: „Wir haben das Übel des autoritären Systems gegen andere Probleme hier eingetauscht – man kann nicht nur Gutes haben.“ Shan ergänzt: „Am besten ist es, eine internationale Identität anzustreben. Meine Tochter ist Chinesin, Österreicherin und jetzt auch US-Amerikanerin, weil sie mittlerweile in Pennsylvania studiert“, erklärt der Gastronom. „Grenzen sind von Menschen geschaffen – man soll seine Identität nicht nach so etwas ausrichten.“                      

Der Dokumentarfilm „China Reverse“ von Judith Benedikt läuft seit Ende Februar im Kino.

Das Buch „Vienna Chinatown Invisible. Eine Reise durch das chinesische Wien“ von Fariba Mosleh ist 2014 im Praesens Verlag erschienen.

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