Dark Tourism: Urlaub in der Wirklichkeit

Nicht der Sandstrand mit Palmen, sondern das ehemalige Gefängnis mit den Bildern Ermordeter. Nicht die schmucken historischen Gebäude im Stadtzentrum, sondern die improvisierten Hütten der Slums. Immer mehr Touristinnen und Touristen wählen Reiseziele, die mit Urlaubsidylle nichts zu tun haben.

Von Nora Holzmann
Bitte lächeln: Mehr als 500.000 TouristInnen besuchen jährlich Auschwitz.

Die Wellblechhütten eines Townships in Kapstadt. Die Villa Grimaldi in Santiago de Chile, wo Oppositionelle der Pinochet-Diktatur gefoltert wurden. Die Sperrzone rund um den Atomreaktor von Tschernobyl. Die Mauer zwischen Israel und dem palästinensischen Westjordanland. Alles Orte, die kaum jemand mit Entspannung, Vergnügen oder einem angenehmen Ausstieg aus dem Alltag verbinden würde. Und alles Orte, an die Touristinnen und Touristen reisen. Tatsächlich sind es immer mehr Menschen, die auf ihren Reisen nicht das unwirklich schöne Paradies, sondern die Konfrontation mit der – oft bitteren – Realität eines Landes suchen. Sie besuchen Slums und Armenviertel, Gedenkstätten, die an brutale Menschenrechtsverbrechen erinnern, oder reisen sogar in Gebiete, in denen Konflikte stattfinden oder stattgefunden haben. „Dark Tourism“ – so nennen die meisten Forscherinnen und Forscher diese Art des Tourismus, die mit Urlaubsidylle im herkömmlichen Sinn wenig zu tun hat. „Es hat ‚Dark Tourism’ sicher schon immer gegeben, das Phänomen nimmt aber eindeutig zu“, sagt Wolfgang Aschauer, Tourismussoziologe an der Universität Salzburg. Seine Erklärung dafür: „Durch die Globalisierung wird vieles beim weltweiten Reisen austauschbar, sehr ähnlich. Reisen zu Gedenkstätten und vor allem Besuche von Slums erfüllen eine wichtige Funktion, da sie die Neugier nach Authentizität befriedigen.“

An Angeboten mangelt es den Reisenden nicht. Ob Ausschwitz in Polen, Hiroshima in Japan, das Kigali Genocide Center in Ruanda oder das Hoa-Lo-Gefängnis in Vietnam: An tausenden Gedenkstätten weltweit wird der Opfer von Gräueltaten und Katastrophen gedacht – oft in anschaulichen Bildern und in mehreren Sprachen.

Slum-Tourismus wiederum wurde erst in den letzten Jahren zu einem globalen Phänomen, das sich inzwischen auf allen Kontinenten findet. In Städten wie Rio de Janeiro wetteifern heute zahlreiche Anbieter um die wachsende Anzahl an Touristinnen und Touristen, die eine Favela, ein brasilianisches Armenviertel, besuchen wollen. In Kapstadt ist eine Township-Tour mittlerweile Fixpunkt für rund ein Viertel der Besucherinnen und Besucher.

Jährlich reisen außerdem Millionen von Touristinnen und Touristen – oft mit Hilfe von Reiseanbietern – in Länder, die von Konflikten betroffen sind oder waren, etwa nach Israel und Palästina, nach Sri Lanka oder nach Kolumbien. Wagemutigere zieht es, ob aus privaten oder beruflichen Gründen, auch in Länder wie Afghanistan – für jene hat der Verlag Lonely Planet sogar einen eigenen Reiseführer im Angebot, Tipps für vorbereitende Sicherheitstrainings inklusive.

Wer sind nun die „Dark Tourists“ – die Reisenden, die es nicht nur ins Licht, sondern auch in den Schatten zieht? Soziologe Aschauer stellt fest: „Es sind eher Personen aus einer höheren Bildungsschicht, die sehr gut über die Destinationen vorinformiert sind und die besonders interessiert daran sind, eine Form der Authentizität zu erfahren.“ Je nach Reiseziel gehöre auch ein gewisses Maß an Risikofreudigkeit dazu. Bei Menschen, die in gefährliche Kriegsgebiete reisen, für die eine Reisewarnung besteht, seien die Motive allerdings nochmals anders gelagert. „Das ist dann schon eine Form des Extremtourismus. Die Motive müssen nicht unbedingt rein verwerflich sein, aber da kommen schon ein großer Voyeurismus und eine Abenteuerlust mit ins Spiel“, sagt Aschauer.

Jene Reisenden, die Sensibilität an den Tag legen und sich mit ihrer Rolle und der Verantwortung, die sie als Touristinnen und Touristen tragen, beschäftigen, werden früher oder später angesichts des Angebots an „Dark Tourism“-Zielen vor der Frage stehen: Darf ich denn solche Orte besuchen? Was ist noch in Ordnung, vielleicht sogar wünschenswert, und ab wann wird es aus moralischer Sicht problematisch?

Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. Wolfgang Aschauer sieht es so: „Wo die Auswirkungen dieser Tourismusform auf die Einheimischen doch beträchtlich sind, sollte man die Dinge stärker hinterfragen.“ Dies sei etwa beim Slum-Tourismus der Fall. Hier sei es besonders wichtig, die Sicht der lokalen Bevölkerung miteinzubeziehen – etwas, das laut Aschauer in empirischen Studien zu dem Thema kaum gemacht wird. Der deutsche Sozialgeograf Malte Steinbrink hat allerdings ausführlich den Tourismus in Südafrikas Townships untersucht – und festgestellt, dass durch die Touren tatsächlich Bewusstseinsarbeit geleistet wird. Die befragten Touristinnen und Touristen nahmen im Durchschnitt die Townships als viel sicherer, moderner und positiver war als vor ihrem Besuch. Für viele Bewohnerinnen und Bewohner der Viertel selbst steht der ökonomische Nutzen der Slum-Touren im Vordergrund. Tourismus bringt schlicht und einfach Geld. Wolfgang Aschauer sieht die Slum-Ausflüge aber nicht nur positiv: „Es ist trotzdem eine besondere Form des Voyeurismus. Man fühlt sich als Tourist in einem sicheren Käfig und beurteilt die Wirklichkeit aus diesem Kokon der Sicherheit heraus, wie in einer Art Zoo.“

Gedenkstätten-Tourismus wiederum sieht Aschauer wenig problematisch, da dieser kaum soziokulturelle Auswirkungen auf die Bevölkerung hätte.

Das Anne-Frank-Haus, Nagasaki, Kambodschas „Killing Fields“: Gedenkstätten sind nicht nur Anziehungspunkte für Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland, auch große Teile der lokalen Bevölkerung pilgern an Orte, an denen man sich an vergangenes Unheil erinnert. Während etwa viele Brasilianerinnen und Brasilianer, die selbst nicht in einer Favela wohnen, keine zehn Pferde dorthin bringen könnten, so treffen an Mahnmälern der Geschichte internationale Reisende und Einheimische als Besucherinnen und Besucher aufeinander. Ganze Schulklassen pilgern zu Ground Zero in New York, zu Israels Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem oder nach Robben Island in Südafrika, wo Nelson Mandela fast zwei Jahrzehnte inhaftiert war.

Wie wichtig Gedenkstätten im Fall von persönlichen Verlusten sind, weiß Psychologin Barbara Preitler vom österreichischen Verein Hemayat, der Folter- und Kriegsüberlebende betreut. „Menschen etwa, deren Angehörige verschwunden sind, brauchen ganz dringend Orte zum Gedenken“, sagt Preitler. Unterschiede zwischen den Kulturen sehe sie diesbezüglich kaum. „Gedenkstätten sind aber immer eine Frage der Politik. Die Täter haben natürlich durchaus Interesse daran, dass es keine Gedenkstätte gibt.“ Den Opfern einen Ort des Gedenkens zu verweigern, sei besonders grausam. In ihrer täglichen Arbeit sieht Preitler immer wieder, dass Trauer einen Ort braucht. „Unter Trauma verstehe ich, dass etwas in die Gegenwart einbricht und grenzenlos ist. Wenn ich aber einen Ort habe, wo ich es hinbeziehen kann, kann ich auch Abstand gewinnen, und der Alltag kann ein Stück freier werden.“

Gedenkstätten erfüllen wichtige Funktionen: Für die Opfer und ihre Nachkommen sind sie Orte der Ehrerbietung und des Erinnerns, für die Täter, die Unbeteiligten und deren Nachkommen Orte der Mahnung. Und Tourismus zu Gedenkstätten scheint Geld an Orte zu bringen, die es in manchen Fällen sehr notwendig haben. Soziologe Aschauer hat diesbezüglich Zweifel: „Nur weil eine Gedenkstätte zum Beispiel lokal oder staatlich organisiert ist, heißt das noch nicht unbedingt, dass die lokale Bevölkerung davon wirklich profitiert.“

Wer verdient am Tourismus? Sind es ausländische Unternehmen, ist es die lokale Bevölkerung und, wenn ja, welcher Teil von ihr? Diese Frage stellt sich bei der Nil-Kreuzfahrt in Ägypten genauso wie bei der Slum-Tour in Mumbai oder dem Besuch des Cu Chi-Tunnelsystems des Vietcong in Vietnam. Besonders wichtig ist die Frage aber dann, wenn eine Reise in Gebiete führt, wo es Konflikte zwischen Teilen der Bevölkerung gibt. So ist das Tourismusgeschäft in Israel und Palästina vorwiegend in israelischer Hand, in Sri Lanka profitiert fast ausschließlich die singhalesische Mehrheit, und nicht die tamilische Minderheit, vom Tourismus. Christine Plüss vom Schweizer Reiseportal „fairunterwegs“ rät in diesem Zusammenhang: „Man sollte als Tourist grundsätzlich immer darauf achten, dass möglichst viele Einnahmen vor Ort bleiben und sich breit unter der Bevölkerung verteilen.“ In Sri Lanka etwa sollten sich verantwortungsbewusste Reisende informieren, wo es Möglichkeiten zum Austausch mit Tamilinnen und Tamilen gibt. „Wo in den Augen der Minderheit die Unterdrücker auch noch das Tourismusgeschäft in der Hand haben, schürt das den Konflikt“, sagt Plüss.

Konfliktsensibles Reisen ist also möglich, doch gilt das für Reisen in alle Konfliktgebiete – auch dorthin, wo gerade heftige kriegerische Auseinandersetzungen toben?

In Internetforen wie auf der Website von Lonely Planet laufen rege Diskussionen darüber, ob es praktisch möglich und moralisch vertretbar ist, derzeit in Länder wie Syrien zu reisen. Barbara Preitler von Hemayat hat für Kriegstourismus kein Verständnis: „Krieg heißt immer, dass Ressourcenmangel herrscht. Den Syrern fehlt es an allem. Was tun dort bitte Touristen?“ Christine Plüss von „fairunterwegs“ sieht es ähnlich. „Dort, wo sich Kriege und Katastrophen ereignen, haben Touristen nichts verloren“, sagt sie. Für einen Abenteuer-Kick würden sich Menschen bewusst einem Sicherheitsrisiko aussetzen, sich aber im Notfall auf das Engagement ihres Heimatstaates verlassen.

Wer nichts gegen Ferien im Irak oder in Somalia hat, sie im Gegenteil sogar noch anbietet, ist Kevin Pollard. Er gründete in der Schweiz das Reisebüro Babel Travel, das sich auf Reisen in Krisenregionen spezialisierte. „Unsere Kunden wollen Konflikte verstehen und die Welt kennenlernen, wie sie wirklich ist“, begründete Pollard sein Angebot vor zwei Jahren in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“. Mittlerweile existiert die Website von Babel Travel nicht mehr – laut Auskunft von Insidern aufgrund rechtlicher Probleme. Auf Anfrage des Südwind-Magazins via Facebook sagt Pollard, er würde nach wie vor Touren für Privatgruppen anbieten. Doch bei diesem Angebot wird es möglicherweise auch den größten Freundinnen und Freunden des „Dark Tourism“ zu bunt.

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