Die Welt zum Vorlesen

Das Südwind-Magazin hat Bücher getestet, die Kinder bis acht Jahre dazu einladen, die Welt zu entdecken.

Von Nora Holzmann

Die Angst vor dem Fremden verliert man am leichtesten, indem man ihm begegnet. Das erfahren Jim und sein Freund Lukas im Buch „Jim Knopf und der Scheinriese“, als sie in der Wüste einen Riesen treffen, der immer kleiner wird, je näher sie ihm kommen. Das Unbekannte kann unheimlich sein, vor allem aber ist es interessant und faszinierend. Noch schnell einen Ausflug nach Afrika oder China vor dem Schlafengehen? „Ja!“, rufen meine vier Kinderbuch-TesterInnen im Alter von zwei bis acht.

„Was macht ein Bär in Afrika?“ begeistert schon den Zweijährigen, kommt aber auch bei den Größeren gut an. Ein Touristen-Mädchen verliert seinen Teddybären in der afrikanischen Savanne. Der kleine Meto setzt alles daran, dass sie ihn zurückbekommt. Die Tiere der Savanne – vom Nilpferd über den Löwen bis zur Giraffe – helfen ihm dabei und lernen so das erste Mal in ihrem Leben einen Bären kennen. Wilde Tiere, bunte Farben, lebendige Geschichten: Kinderbücher aus und zu Afrika erfreuen sich laut Auskunft der MitarbeiterInnen der Südwind-Buchwelt großer Beliebtheit.

Eines der schönsten ist wahrscheinlich „Der wunderbare Baum“, in dem John Kilaka eine traditionelle Geschichte aus Tansania niedergeschrieben und mit farbenprächtigen Zeichnungen im Tingatinga-Malstil illustriert hat. Um die Früchte eines Baumes zu ernten, müssen die Tiere den Namen des Baumes sagen, aber sie können ihn sich einfach nicht merken. Mein fünfjähriger Tester fiebert mit und ist erleichtert, als endlich die Früchte herunter fallen und die Hungersnot der Tiere beendet ist. Von der Freundschaft zwischen einem chinesischen Mädchen und einem roten Drachen erzählt das Buch „Der kleine Drache“. Unter meinen TesterInnen stößt es von groß bis klein auf Zuspruch. Die Sechsjährige faszinieren besonders die 33 chinesischen Schriftzeichen, die die Geschichte begleiten. „Kann ich die abmalen?“ Die Lesereise führt uns weiter nach Lateinamerika. In poetischer Sprache und mit originellen Illustrationen erzählt Eduardo Galeano die „Geschichte von der Auferstehung des Papageis“. „Komisches Buch“, findet mein achtjähriger Tester. Doch eher etwas für uns Erwachsene?

Beim Vorlesen des Buches eines anderen bekannten Schriftstellers – Rafik Schami – hängen die größeren TesterInnen dafür an meinen Lippen. „Fatima und der Traumdieb“ schildert eine in der arabischen Wüste angesiedelte Geschichte, die Kindern den Wert von Träumen und von Gerechtigkeit näher bringen will. Meine ZuhörerInnen ärgern sich über den bösen Traumdieb, der die Kinder für sich schuften lässt, und lachen, als es der schlauen Fatima gelingt, ihn zu überlisten.

Die Welt ist groß und es gibt noch so viel zu entdecken vor dem Schlafengehen. In den beiden Bänden „Ich kenn ein Land, das du nicht kennst …“ stellt Martina Badstuber insgesamt 20 Länder kindgerecht vor. Kuriose Details, besonders das Tierleben betreffend, stehen im Mittelpunkt, während gleichzeitig Wissenswertes über das Land vermittelt wird. Meine sechsjährige Testerin will mehr wissen über das Land, in dem Esel zum Friseur gehen (Ägypten). Der Achtjährige ist fasziniert von dem Land, in dem man Briefpapier aus Elefantenkacke macht (Thailand). Die Kleineren ziehen die Bücher trotz lustiger Zeichnungen nicht in den Bann. Sie machen ihre Weltreise mit Hilfe des Klappbuchs „Mix Max Kinder der Welt“. Pia aus Peru trägt einen warmen Poncho und macht gern Musik. Malati aus Indien mag Elefanten und hüpft auf einem Bein. Hier kann man Teile auf- und zuklappen, vertauschen und zuordnen.

„Das haben wir noch nicht gelesen!“ Im Buch „Das himmelblaue T-Shirt“ erzählt ein Leiberl seine lange Reise – von da an, als es noch eine Baumwollpflanze in Indien war, bis zu seiner Endstation in einem Fairtrade-Geschäft bei uns zuhause. Mit verständlichen Texten und ansprechenden, großflächigen Bildern, auf denen Menschen, Fahrzeuge und Maschinen zu sehen sind, wird jede Station auf seinem Weg beschrieben. Die Buch-TesterInnen von fünf bis acht sind begeistert. „Noch mal!“ Aber Moment, da ist ja noch ein Buch übrig von unserem Stapel. „10 Sachen kann ich machen für unsere Erde“ ist ein hübsches Bilderbuch zum Aufklappen, das zeigen will, wie einfach es ist, sorgsam mit Ressourcen umzugehen. Zu Fuß in den Kindergarten gehen, von einem Blatt Papier beide Seiten benutzen, den Wasserhahn während des Zähneputzens zudrehen. „Das machen wir immer!“, versichern mir die Kinder.

„So, und welche Bücher haben euch nun am besten gefallen?“, möchte ich am Ende unserer Lesereise wissen. „Alle schön!“, kommt die Antwort zurück. „Können wir sie alle noch einmal lesen?“

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