Weiße wollen wir sehen

Durch so genanntes „Whitewashing“ werden Errungenschaften von Menschen dunkler Hautfarbe ausradiert, nicht zuletzt in Hollywoodfilmen.

Von Nour-El-Houda Khelifi
Nour-El-Houda Khelifi

Weißer Pharao, schwarzer Sklave. Der postkoloniale Rassismus ist im Film „Exodus“ (2014) von Ridley Scott nicht zu übersehen – denn während weiße Schauspieler Prophet und Gott verkörpern, bleibt die Rolle der SklavInnen an den Schwarzen hängen. Dieser Film veranschaulicht eine Problematik, die in Kunst, Kultur aber auch in der Geschichtswissenschaft zu finden ist: das so genannte „Whitewashing“. Das Phänomen bezieht sich in erster Linie auf historische Persönlichkeiten dunkler Hautfarbe, auch People of Color (PoC*) genannt, die in der Geschichtsschreibung und dadurch in der kollektiven Erinnerung als weiße Menschen dargestellt werden. Klassische Beispiele dafür sind der Nikolaus oder Jesus.

Zahlreiche innovative Errungenschaften auf dem Gebiet der Wissenschaft kommen zudem von People of Color. Trotzdem werden sie selten oder gar nicht in Medien oder Schulbüchern erwähnt. Die Gasmaske etwa wurde vom afro-amerikanischen Erfinder Garrett Morgan (1877-1963) entwickelt. Eine weitere Erfindung, von der bis heute noch Millionen von Menschen profitieren, ist die Blutbank. Sie wurde vom Afro-Amerikaner Charles R. Drew (1904-1950) konzipiert, der später als Direktor von Blutbanken des Roten Kreuzes tätig war. Diese Menschen werden bewusst in Geschichtswissenschaften marginalisiert, schwarze Menschen dürfen anscheinend nur als Sklaven Geschichte schreiben.

Diskriminierung. Durch „Exodus“ wurde international eine Debatte über „Whitewashing“ losgetreten. Der Blockbuster macht auf den im Entertainmentbereich existierenden Rassismus aufmerksam. Minderheiten werden ausschließlich für klischeehafte Rollen genommen – als Terroristen, Drogendealerinnen oder eben Sklaven. Sogar wenn Rollen für Figuren mit einem bestimmten ethnischen Hintergrund oder einer gewissen Hautfarbe ausgeschrieben werden, casten Agenturen trotzdem oft nur Weiße, obwohl es genügend andere qualifizierte AnwärterInnen gäbe. Filmschaffende befürchten, die Entscheidung, Nicht-Weiße in Hauptrollen einzusetzen, könnte ein wirtschaftliches Risiko für die Filmstudios bedeuten. Dies sagt eine Menge über unsere Gesellschaft aus. Die Produktionsfirmen nehmen an, dass wir lieber einen weißen Hauptdarsteller als einen schwarzen sehen möchten. Diese Ungleichheit macht es PoC im Filmbusiness schwer. Beispiel Oscar-Verleihung: In sozialen Netzwerken kursierte heuer nach der Veranstaltung der Hashtag #OscarSoWhite.

Tradition. PoC werden seit Jahrhunderten weißen Menschen hierarchisch untergeordnet. Und bis heute werden sie durch „Whitewashing“ ihrer Identität beraubt oder „exotisiert“. So setzt sich die koloniale Ausbeutung fort. Um dem entgegenzuwirken, bräuchte es eine sensiblere Geschichtsschreibung und einen politischen Diskurs.

*) People of Color (PoC) ist eine selbstbestimmte Bezeichnung von und für Menschen, die nicht weiß sind und etwa afrikanische, asiatische oder lateinamerikanische Hintergründe haben. Der Ausdruck wurde durch die US-amerikanische „Black Power“-Bewegung geprägt, im deutschsprachigen Raum wird er im akademischen und politischen Umfeld benutzt.

Nour-El-Houda Khelifi ist Studentin an der Universität Wien und freie Redakteurin bei der „Wiener Zeitung“, „das Biber“ sowie bei „Progress“, das einen längerer Artikel zum Thema „Whitewashing“ von ihr veröffentlicht hat.

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