Wohin die Arbeit geht

Die so genannte vierte industrielle Revolution mittels Digitalisierung wird die herrschende Produktionsweise tiefgreifend verändern. In den Ländern des Norden wie des globalen Südens. Was das für die Gesellschaft bedeuten könnte, hat Erhard Stackl recherchiert.

© Illustration: Thomas Kussin

Die digitale Revolution wird die Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts so prägen, wie die industrielle Revolution den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft“, schreibt der Schweizer Ökonom Thomas Straubhaar in seinem heftig diskutierten Buch „Radikal gerecht“. Und: „Digitalisierung bedeutet keineswegs das Ende der Arbeit“, so Straubhaar, „aber sie wird Arbeit, Arbeitsplätze und Arbeitszeit in dramatischer Weise verändern.“

Der Ökonom widerspricht damit dem US-Wissenschaftler Jeremy Rifkin, der schon in den 1990er Jahren das „Ende der Arbeit“ kommen sah. Dabei werden die entscheidenden Innovationen erst jetzt wirksam: Industrieroboter wachsen mit dem Internet zu „cyber-physischen Systemen“ (CPS) zusammen, Unmengen von Sensoren erfassen Datenströme und ermöglichen so das autonome Fahren von Autos, LKW und Schiffen, aber auch die Produktion von Industriewaren in Fabriken auf „Autopilot“. Wenn man die stark verbesserte Bild- und Spracherkennung dazu nimmt, könnte diese Entwicklung zahlreiche Berufe verschwinden lassen.

Verschwindende Berufe. Automatisieren lässt sich nun nicht nur die Arbeit von ChauffeurInnen, LaborantInnen oder ZahntechnikerInnen, sondern auch von RadiologInnen, BankberaterInnen und ArchitektInnen. Maschinen werden passgenaue Zahnimplantate produzieren, Blutanalysen abliefern, auf Röntgenbildern Tumore erkennen, Kreditansuchen bearbeiten, Baupläne erstellen und (einfache) Kundenanfragen beantworten. Die zunehmende Automatisierung könnte für viele weniger Plackerei und mehr Freizeit bedeuten – oder aber auch Massenarbeitslosigkeit und das Ende gesicherter, dauerhafter Jobs. Hier soll erkundet werden, in welche Richtung sich die Welt – der industrialisierte Norden und der globale Süden – bewegt.

Unter den Schlagwörtern „Digitalisierung“ und „Industrie 4.0“ werde nach der Handarbeit nun die – routinemäßige – Kopfarbeit wegrationalisiert, schreibt Matthias Martin Becker im Buch „Automatisierung und Ausbeutung“. Laut einer vielzitierten Studie von Carl Frey und Michael Osborne arbeiten in den USA 47 Prozent der Beschäftigten in „automatisierbaren“ Berufen.

Neue Arbeitsmöglichkeiten. Optimistische ExpertInnen verweisen darauf, dass es diese Art der Schwarzseherei seit der ersten industriellen Revolution gibt. Damals machten mechanische Webstühle und Dampfmaschinen zunächst viele Menschen arbeitslos. Ähnlich war es nach der zweiten und dritten (Elektrotechnik bzw. Computerisierung). Während einfache Tätigkeiten, beginnend in der Landwirtschaft und im Handwerk, mechanisiert oder automatisiert wurden, entstand aber immer wieder eine Fülle neuer Arbeitsmöglichkeiten, zuerst in der Industrie und dann vor allem im Dienstleistungssektor (Handel, Gastronomie, Finanzen, Bildung, Freizeit, Gesundheit und Pflege).

So sieht das auch Terry Gregory vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Es würden nicht ganze Berufe verschwinden; ändern werde sich die Tätigkeit innerhalb eines Berufs. Es seien ja auch nicht die KellnerInnen überflüssig geworden, weil sie jetzt Bestellungen per Mini-Tablet-PC in die Küche funken. Deshalb seien „nur“ zwölf Prozent der Berufe gefährdet, sagte Gregory bei einer Konferenz in Wien („Summit Industrie 4.0“). Außerdem brächte die Digitalisierung auch neue Jobs (Steuerung der Automaten, „Grüne Energie“).

Zwischen 1999 und 2010 seien deshalb trotz des Wegfalls von Arbeitsplätzen in Europa zwölf Millionen zusätzliche Jobs entstanden. Durch intensivierte Bildungsmaßnahmen könnten Arbeitslosenheere verhindert werden.

Außer Streit steht jedenfalls, dass die Arbeitswelt derzeit mit großer Wucht durcheinander gerüttelt wird. Und dabei geht es noch gar nicht um „künstliche Intelligenz“ (KI) im Sinne von selbständig denkenden (und vielleicht auch fühlenden) Maschinen wie dem Supercomputer HAL 9000 im Science-Fiction-Klassiker „2001-Odyssee im Weltraum“, der sich dann bösartig gegen die Menschen wendet. Wann (und ob) es wirklich kreative Maschinen geben wird, ist unbekannt. Sich wiederholende Kopfarbeit übernehmen Automaten aber schon jetzt. Und durch den Einbau von Computerchips und Software können Fabrikroboter ebenso wie Haushaltsgeräte lernfähig gemacht werden. Bei diesem „Internet der Dinge“ geht es nicht nur um den berühmten Kühlschrank, der selbst die ausgegangene Milch nachbestellt, sondern auch um die Vernetzung ganzer Produktionsabläufe von der Rohstoffanlieferung über die Herstellung und den Absatz, die Instandhaltung und das Recycling.

Während auf der einen Seite die Produktion großer Serien immer effizienter wird, ermöglichen es auf der anderen 3D-Drucker, rasch und überall Einzelstücke herzustellen.

Aus für Billiglohn. Durch diese Entwicklung würden Produktionsstätten in den Niedriglohnländern des globalen Südens „unter Druck geraten“, warnt Ayad Al-Ani vom Berliner Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft, der gleichzeitig fordert: „Digitalisierung muss global gedacht werden“. Als Paradebeispiel gilt die deutsche Firma Adidas. Der Sportartikelriese errichtet derzeit in Ansbach bei Nürnberg eine „Speedfactory“, in der Industrieroboter aus Garn und Kunststoff Turnschuhe herstellen. Vom (häufig wechselnden) Design bis zur Lieferung ins Geschäft wird es nur wenige Tage dauern. Schon bald sollen jährlich 500.000 Paar vom Band laufen. In der Fabrik werden 160 Beschäftigte arbeiten und vor allem die Maschinen steuern. Hochpreisige, individualisierte Modelle könnten künftig auf 3D-Druckern direkt im Geschäft für Kunden maßgefertigt werden.

In den u.a. in China und Vietnam angesiedelten Zulieferfabriken von Adidas werden die Sneakers derzeit von jeweils 1.000 ArbeiterInnen und vor allem händisch gefertigt – 300 Millionen Paar pro Jahr. Bei Adidas heißt es, dass ihre Speedfactories (die auch in den USA gebaut werden sollen) als Ergänzung zur bisherigen Produktion gedacht seien. Allerdings gab es bei den Zulieferbetrieben in Asien immer wieder Streiks für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Für das britische Magazin „The Economist“ ist klar, dass bei Adidas „der Bedarf nach Armeen von Handarbeitern in asiatischen Fabriken sicher abnehmen wird“.

Von Robotern produzierte Sportschuhe einer neuen „Speedfactory“ im deutschen Ansbach bei Nürnberg: Der Bedarf an Armeen von Handarbeitern in asiatischen Zulieferfabriken nimmt ab.© Adidas

Automatisierung global. Die Rückkehr von Produktionsstätten in die traditionellen Industrieländer (vor allem auch in die USA, wo Präsident Donald Trump das zu seiner politischen Priorität gemacht hat), ist eine Sache. Aber auch in Asien selbst wird heftig automatisiert. So stellt der Elektronikriese Foxconn, der in China Apples iPhone und andere Geräte produziert, pro Jahr 10.000 neue Roboter auf. Bis 2020 soll ein Drittel der Produktion automatisiert werden.

In Indien ist die Software-Entwicklung zum wichtigsten Exportartikel geworden. Kein anderes Land verfügt über so viele gut ausgebildete Software-IngenieurInnen. Sie arbeiten auch für Datenverarbeitungszentren in Indien selbst, in denen Buchhaltung und Personalverrechnung für internationale Firmen durchgeführt werden.

Doch auch dieses „Back Office der Welt“ kommt unter Druck. Gut ausgebildete Bürokräfte auf den Philippinen, in Vietnam, Mexiko, Brasilien und Ägypten machen den Outsourcing-Firmen Konkurrenz. Und die gesamte Abrechnerei wird eines Tages ohne viel menschliches Zutun auskommen.

Den Höhepunkt überschritten haben dürfte auch der Wirtschaftszweig der Call Center, die in Indien vielen Menschen eine (gering bezahlte) Arbeit geben. Die maschinelle Spracherkennung ist mittlerweile soweit, dass sie viele Standardanfragen verstehen (und automatisch beantworten) kann. Nur komplexere Anfragen werden an Menschen weitergeleitet.

Die UNIDO, die UN-Organisation für industrielle Entwicklung mit Sitz in Wien, hat vor kurzem eine Konferenz über die „Chancen und Herausforderungen der Industrie 4.0“ für Entwicklungs- und Schwellenländer abgehalten. Auf den ersten Blick scheinen die negativen Aussichten zu überwiegen. So wird von der UNIDO erwartet, dass das Lohngefälle zum globalen Süden an Bedeutung verliert, weil Roboter auf Dauer kostengünstiger sind als selbst billige Arbeitskräfte. Weiters geht man bei der UNIDO davon aus, dass der kapitalintensive Innovationsschub in den Industrieländern zu einem Rückgang der Investitionen im Süden führt, obwohl dort jedes Jahr Millionen junger Menschen auf den Arbeitsmarkt kommen.

Positiv wird die Möglichkeit eingeschätzt, dass manche Länder Asiens, Afrikas und Lateinamerikas mit einem „Froschsprung“ („Leapfrogging“) von einem unteren Niveau gleich in die neueste Technologie einsteigen. Preiswerte und elektronisch gesteuerte Anlagen für Solar- und Windenergie könnten beispielweise etlichen Regionen Afrikas endlich eine verlässliche Stromversorgung sichern. Technologiezentren entstehen vielerorts schon jetzt.

Vorsprung einbüßen. Insgesamt erwartet die UNIDO, dass die Zahl der industriellen Arbeitsplätze weltweit zurückgeht. Und weil im Süden zunehmende Bildungsanstrengungen unternommen werden, glaubt der deutsche Sozialexperte Meinhard Miegel, dass „die Völker der früh industrialisierten Länder ihre Wissens- und Könnensvorsprünge“ zügig einbüßen werden. Die Lage der Arbeitssuchenden in Nord und Süd nähert sich einander an; schon jetzt erinnert ein neues Taglöhner- und Dienstbotenwesen in europäischen und nordamerikanischen Städten an den Alltag in den Ländern des Südens.

Zur großen Frage, wo die vielen neuen Jobs herkommen sollen, haben die ExpertInnen nur wenig konkrete Antworten. Sicher werden Fachleute zur Entwicklung und Steuerung der neuen industriellen Netze gebraucht, wie auch App-EntwicklerInnen und Web-DesignerInnen („High Tech“). Dazu kommt der große Bereich persönlicher Dienstleistungen in Bildung, Gesundheit, und Pflege, bis hin zum Freizeit- und Wellness-Coach. Vor Automatisierung ist aber auch dieser Sektor nicht sicher, wie Versuche vom Tele-Learning bis zu Robotern für die Altenpflege zeigen.

Neues Prekariat. Ein weiterer neuerer Begriff ist jener der „Gig-Economy“: So wie MusikerInnen manchmal einen bezahlten Auftritt („Gig“) ergattern, so bemühen sich FreiberuflerInnen via Internet um einen Auftrag. Das kann ein interessantes Projekt für graphische DesignerInnen sein, oder auch nur die ganz simple Aufgabe, zusammen mit vielen anderen daheim vor ihren Laptops Sitzenden, Fotos zu beschlagworten („Crowdworking“).

Von den hunderttausenden Jobs, die etwa in Deutschland in den vergangenen Jahren neu geschaffen wurden, waren drei Viertel keine fixen Arbeitsplätze, sondern prekäre Leih- und Zeitarbeit – arbeitsrechtliche „Ramschware“, wie es ein Gewerkschafter ausdrückte.

Trotzdem gelten manche dieser Wackeljobs durchaus als modern. Für viele ist es ein willkommenes (Zusatz-)Ein­kom­men, mit dem Fahrrad Essen zuzustellen oder mit dem eigenen Auto für Uber als Taxler-Konkurrent zu arbeiten. Auch der Zimmervermittler Airbnb ist ein Teil dieser „Sharing Economy“, von KritikerInnen auch „Plattform-Kapitalismus“ genannt. Wer bei den auf ausgeklügelten Internet-Plattformen basierenden Dienstleistern mitmacht, bleibt formal selbständig und bringt seinen eigenen Besitz in die Tätigkeit ein. Die Firma ist ausschließlich für die Vermittlung (und die Kontrolle) zuständig – und profitiert doch am meisten.

Uber ist inzwischen mehr wert als BMW und Airbnb übertrifft den Wert der Hilton-Kette, dabei haben sie nur „die Daten, sonst haben sie nichts“, ärgert sich Matthias Martin Becker, dessen Buch über „Automatisierung und Ausbeutung“ einen grundsätzlich kritischen Ton anschlägt.

Becker fürchtet weniger, dass künftig die Arbeit ausgeht, er sieht vielmehr eine Kontinuität seit Beginn der Industrialisierung. Es gehe immer darum, die Arbeit in kleine (und langweilige) Schritte aufzuteilen und die Arbeitenden möglichst genau zu kontrollieren. Die Rationalisierung betrachtet er als „Verfolgungsjagd“, die immer wieder neue Branchen erfasst. Auch die von vielen als Allheilmittel hochgelobte Bildung sieht Becker skeptisch, weil „Qualifikation immer etwas Vorläufiges“ sei. Musterbeispiel dafür wäre der Radiologe, der demnächst von einem Diagnose-Automaten in der Krebserkennung ersetzt werden könnte.

Die Plattform-Ökonomie betreffend meint Becker, dass auf die privaten Vermittler gänzlich verzichtet werden könnte. Stattdessen sollten Stadtgemeinden die Gründung von „plattformbasierten Genossenschaften“ fördern, über die BürgerInnen mit oder auch ohne Bezahlung Dienstleistungen anbieten, abrufen oder austauschen können.

Soziale Sicherung. Die Kritik am Wildwuchs der prekären Arbeitsverhältnisse hat mittlerweile dazu geführt, dass die Schaffung zukunftssicherer Jobs z.B. in Deutschland ein Wahlkampfthema geworden ist. Logisch wäre in den Industriestaaten eine Arbeitszeitverkürzung. Schon in den 1930er Jahren sah John Maynard Keynes eine Reduzierung (bis auf 15 Wochenstunden) voraus. Doch die Globalisierung ist trotz aller Kritik vorerst weiter wirksam: Weil die Fabriken in Niedriglohnländer abzuwandern drohen, bleiben Arbeitszeitverkürzungen (und saftige Lohnerhöhungen) aus.

Erprobt werden auch andere Modelle wie das „Jobsharing“ (zwei Personen teilen einen Arbeitsplatz) oder die „Bürgerarbeit“, bei der z.B. EmpfängerInnen der Mindestsicherung dann alte Menschen pflegen, Parks und Sportanlagen erhalten oder Essen an Bedürftige ausgeben.

GewerkschafterInnen und linke Parteien fordern zur besseren Finanzierung des Sozialsystems seit Langem eine Abgabe, mit der die „betriebliche Wertschöpfung“ (Wertzuwachs des Endprodukts im Vergleich zu den Ausgangsprodukten) besteuert wird. Die meisten UnternehmerInnen lehnen diese „Maschinensteuer“ ab. Doch kürzlich überraschte ausgerechnet Bill Gates mit der Idee einer „Robot Tax“, mit der die Automatisierung gebremst und Projekte wie die Bürgerarbeit finanziert werden könnten. Auch dieser Vorstoß traf bei vielen UnternehmerInnen auf Widerstand.

In Erwartung eines schwindenden Job­angebots führt die Debatte fast automatisch zum Modell eines bedingungslosen Grundeinkommens, das auch im Südwind-Magazin schon öfter diskutiert wurde (zuletzt im Heft 09/2015). Gegenwärtig läuft in Finnland ein von der liberal-konservativen Regierung beschlossener Praxistest: 2.000 zufällig ausgesuchte Arbeitslose erhalten – ohne Gegenleistung – ein Jahr lang monatlich 560 Euro.

„Von den Testergebnissen erhofft man sich Einsichten darüber, wie ein Grundeinkommen die Anreize verändert, eine Beschäftigung zu suchen und anzunehmen“, schreibt Thomas Straubhaar in seinem schon zu Beginn dieses Beitrags zitierten Buch „Radikal gerecht“. Der Ökonom befeuert damit im gesamten deutschen Sprachraum die Debatte über das Grundeinkommen, auch weil er es nicht als ideologisches Projekt, sondern als logische Konsequenz der globalen Entwicklung betrachtet. Er postuliert, die Digitalisierung werde das gegenwärtige Sozialsystem sprengen und „mehr Arbeitsplätze vernichten, als die Kritiker des Grundeinkommens vermuten“.

Immer mehr Menschen würden erkennen, dass das Grundeinkommen „das zeitgemäße sozialpolitische Konzept für die digitale Welt des 21. Jahrhunderts“ sei.

Erhard Stackl ist freiberuflicher Autor und Journalist und Herausgebervertreter des Südwind-Magazins.

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