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Auf einer Anhöhe in Gisozi, einem Außenbezirk der Hauptstadt Kigali, liegt Ruandas größtes Genocide Memorial. Hier sollen 258.000 Opfer der größten Tragödie des Landes bestattet sein. In den Katakomben sind Knochen und Schädel von Menschen sorgsam geschlichtet. Bilder sowie Text- und Tondokumente erklären, wie es zu Unerklärlichem kommen konnte. Betroffen und fassungslos verlässt man diesen düsteren Erinnerungsort.

Sechs Jahre nach dem Völkermord wurden erstmals offizielle Zahlen verlautbart. Demnach sollen 1994 rund 1.074.000 Menschen ermordet worden sein; knapp über 950.000 konnten namentlich identifiziert werden. Unter den Toten waren 50,1 Prozent Kinder und Jugendliche. Getötet wurde mit Macheten, Keulen, Gewehren. Angeblich waren 97  Prozent der Getöteten Tutsi. Die ethnische Zugehörigkeit ist heute aus dem öffentlichen Leben Ruandas formal verdrängt. Es gilt als Tabu, danach zu fragen. Über den Völkermord spricht man nicht, oder nur an den vorgesehenen Plätzen, den Genocide Memorials, die es im Land in großer Zahl gibt.

Ruandas Wirtschaft boomt angeblich. Die Entwicklungsindikatoren weisen in eine positive Richtung, überall wird gebaut. Eine Baustelle ist auch der gesellschaftliche Zusammenhalt. Seit dem Genozid gibt es keine intakte Gemeinschaft mehr. Jede Familie hat entweder Opfer oder Täter des Völkermords in ihrem Kreis. Die ruandische Justiz rechnet mit etwa einer Million Täterinnen und Tätern. Bisher standen weniger als 10.000 vor Gericht. So gilt für Ruanda mehr als für jedes andere Land: Es gibt keine Zukunft, die nicht im Schatten einer düsteren Vergangenheit steht.
Franz Halbartschlager

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