Alles vergeblich

Von Axel Hacke ·

Wahrscheinlich ist Erziehung Quatsch. Sie führt zu nichts oder allenfalls zum Gegenteil dessen, was man will. Als unsere Kinder ganz klein waren, hat Antje dem Max Puppen und der Anne Autos zum Spielen gegeben, damit sich die üblichen Rollenklischees bei ihnen gar nicht erst verfestigen.

Aber die beiden haben einfach getauscht und so den allerersten Erziehungsversuch mitleidslos unterlaufen.
Dass mein Sohn möglicherweise nicht der bescheidene, zurückhaltende Mensch ist, zu dem ich ihn gern erzogen hätte, ist mir neulich aufgefallen, als ich ihn in den Kindergarten brachte. Er gab einer wildfremden Mutter, die gerade ihr Töchterlein aus dem Anorak schälte, einen kräftigen Klaps auf den Hintern und sagte: „Hallo Arschgeige!“ (Ich weiß ja nicht mal, woher er das Wort hat!)
Und woher kommt diese Geschäftstüchtigkeit? Einmal hat er, als ich eine Lampe im Wohnzimmer montierte, zwei Achter-Dübel aus dem Werkzeugkasten geklaut und sie zwei Stunden später auf der flachen Hand mit den Worten angeboten: „Wenn ich zu Philipp darf, bekommst du das hier wieder.“ Woher der unfehlbare Sinn fürs Materielle, besonders wenn es süß ist? Die Kakaodose hatten wir auf dem Küchenschrank versteckt, knapp unter der Decke, an einer Stelle, die für uns selbst kaum erreichbar war, nicht einmal für die Katze der Nachbarn, die gelegentlich durchs Haus streunt. Was soll ich sagen, der Knabe saß am Nachmittag auf dem Schrank und löffelte Kakaopulver in seinen Mund.
Dann kam dieses Familienfest mit 70 würdigen, zum erheblichen Teil etwas älteren Gästen, und ich merke plötzlich, dass der Stuhl neben mir leer ist, und denke, wo der Knabe nun schon wieder ist. Da sehe ich, wie er von einem zum anderen geht, mit einer Plastiktüte in der Hand und der immer wiederholten Frage auf den Lippen:
„Gibst du mir ein Geld?“.
Ich versank im Erdboden. Als ich wieder auftauchte, waren in der Plastiktüte schon vier Euro fünfzehn. Gegen solchen Erwerbstrieb kann man nicht anerziehen. Vielleicht kann ich in zwanzig Jahren mit dem Schreiben aufhören, wenn der Junge genug gesammelt hat. (Aber bedenken Sie bitte, wenn er zu Ihnen kommt: Ich hab’ ihn nicht geschickt.)

„Der kleine Erziehungsberater“, Axel Hacke, Serie Piper, München 2002, 123 Seiten, 1 8,20.

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