An Stein rütteln

Denkmäler für Sklavenhändler, Massenmörder und Hassprediger erhitzen seit Wochen die Gemüter. An kreativen Ideen für Denkanstöße im öffentlichen Raum mangelt es dabei nicht.

Von Milena Österreicher

Lichtprojektion in Brüssel: Als „König mit zehn Millionen Morden auf dem Gewissen“ bezeichnete Mark Twain 1905 Leopold II. in einem Pamphlet.© Joanie Lemercier

Sie sind gefallen: Standbilder und Büsten des britischen Unternehmers Edward Colston, des Seefahrers Christoph Kolumbus und des belgischen Königs Leopold II. wurden vielerorts vom Sockel geholt. Colston versklavte tausende Menschen; Columbus wird die grausame Unterdrückung und Tötung indigener Bevölkerung in Lateinamerika vorgehalten; das brutale Kolonialregime von König Leopold II. soll in der heutigen Demokratischen Republik Kongo über zehn Millionen Menschen das Leben gekostet haben.

In den vergangenen Monaten haben AktivistInnen weltweit Denkmäler beschmiert, gestürzt oder zerstört, weil sie an Sklavenhändler, Massenmörder oder Hassprediger erinnern. Neu entfacht wurden die Debatten um umstrittene Statuen durch die Black Lives Matter-Proteste nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd in den USA (vgl. Seite 8 in dieser Ausgabe).

„Es geht um eine Hierarchie der Erinnerung“, sagt Heidemarie Uhl, Historikerin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Diese Statuen und Denkmäler stehen im öffentlichen Raum, nicht in irgendeinem Privatgarten. Über sie wird politisch bestimmt.“

Daher sollte das Ergebnis der Debatten ein gesellschaftlicher Konsens sein, auch wenn dieser in der Praxis meist mühsam ausgehandelt werden müsste.

Ähnlich sieht es Sherman Neal II., Bewohner der US-Kleinstadt Murray in Kentucky. „Ich bin ein Bewohner dieser Stadt. Ich bin ein Schwarzer Mann*. Ich bin nicht länger bereit, staatlich geförderte Symbole eines institutionellen Rassismus in meiner Gemeinde zu akzeptieren“, schreibt er in einem offenen Brief an den Bürgermeister und fordert ihn auf, die Statue von Robert E. Lee entfernen zu lassen. In der Stadt steht, so wie in einigen anderen US-amerikanischen Städten, eine Statue des Generals der Konföderierten Staaten, der an der Sklaverei festhalten wollte.

Black Lives Matter-Proteste in Wien 2020: Der öffentliche Raum wird eingenommen, Debatten um Denkmäler inklusive.© Pat Domingo / BLM Gallery

Schieflage in Wien. Zurück nach Österreich. Ein Denkmal, das hierzulande seit Jahren für Kontroversen sorgt, ist jenes des ehemaligen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger im ersten Bezirk. Sein Antisemitismus wird mittlerweile ebenso wenig bestritten wie seine Verdienste um die Stadt Wien.

Die Umgestaltung des Denkmals stand bereits 2009 zur Diskussion. Damals rief die Universität für angewandte Kunst einen Wettbewerb aus. Das Siegerprojekt von Klemens Wihlidal sah vor, das Denkmal um 3,5 Grad nach rechts zu kippen. Es sollte die Unsicherheit Wiens im Umgang mit ihrem ehemaligen Bürgermeister sowie die „schiefe“ Rezeption der Person Lueger symbolisieren. Die Stadtregierung lehnte ab, stattdessen kam eine erklärende Zusatztafel.

Für die Historikerin Uhl ist die Tafel ein erster Schritt, aber nicht ausreichend: „Das Lueger-Denkmal bedarf nach wie vor einer kreativen und vor allem ständigen Auseinandersetzung. Der Sinn dieses Denkmals liegt darin, für die Zukunft zu sichern, dass sich die Gesellschaft mit Antisemitismus und Rassismus auseinandersetzt.“

Eine gelungene Intervention war es für Uhl, als vergangenes Jahr für drei Wochen eine große Plakatwand mit dem Bild der Flüchtlingshelferin Ute Bock und zweier Geflüchteter in unmittelbarer Nähe der Lueger-Statue aufgestellt wurde.

Statuen und Denkmäler abzumontieren und in Museen zu verfrachten hält die Wissenschaftlerin für wenig sinnvoll: „Ein Denkmal sollte ein Stein des Anstoßes sein, eines Denkanstoßes.“ Entferne man es aus dem öffentlichen Raum, verschwände auch das Potenzial zur Auseinandersetzung.

„Ich halte auch temporäre Denkmäler für eine gute Idee, um zu verdeutlichen, dass so etwas nicht festgeschrieben steht“, meint Uhl.

Ein Beispiel: Die vorübergehenden Mahnmale für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus, die dem dauerhaften Denkmal, das 2021 im Wiener Resselpark am Karlsplatz realisiert werden soll, vorangingen.

In der Schule ansetzen. Expertin Uhl sieht viel Handlungsbedarf im Bildungsbereich. Von Leerstellen berichtet diesbezüglich auch die Aktivistin Precious Nnebedum, die vergangenen Juni in Graz eine Black Lives Matter-Demonstration organisierte (vgl. nebenstehendes Interview). Die Studentin kam vor zehn Jahren von Nigeria nach Österreich: „In der Schule fehlte es an Sensibilisierung. Schön wäre es, Bücher aus anderen Ländern zu lesen. In meiner Klasse gab es zehn Nationalitäten, gelesen haben wir aber immer nur deutschsprachige Literatur.“

Dass es mehr Schul- und Bildungsprojekte braucht, darauf macht auch der Verein ZARA (Zivilcourage und Antirassismusarbeit) mit Workshops aufmerksam. In Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Wien geht ZARA ab Oktober in der vierwöchigen Ausstellung „Space for Kids. Denk(dir)mal!“ der Frage nach, wer im öffentlichen Raum in Form von Denkmälern und Straßennamen repräsentiert ist und wer nicht. Schul- und Lehrmaterial soll folgen.

„Wir wollen vor allem auch aufzeigen, wer nicht geehrt wird, wer fehlt“, erklärt Bianca Schönberger. Sie ist Geschäftsführerin bei ZARA. „Wo sind zum Beispiel Frauen, die nicht Maria Theresia heißen?“ Die meisten Denkmäler repräsentierten momentan weiße Männer. „Das ist kein Querschnitt der Gesellschaft, weder in Bezug auf das Geschlecht noch auf die Hautfarbe“, so Schönberger. Zudem sei zu hinterfragen, für welche Leistung jemand geehrt werde. In Österreich seien dies überwiegend militärische oder künstlerische Erfolge.

Denkmal als Denkanstoß. Eine andere Würdigung betrieb 1979 die Künstlerin Margot Pilz mit ihrem „Hausfrauendenkmal“. Sie hängte den Grazer Stadtpark voll mit Leintüchern, um auf die unsichtbaren wie unbezahlten Leistungen – etwa die Haushaltsarbeit oder die Pflege von Familienangehörigen – der „unbekannten Hausfrau“ hinzuweisen.

Und weil Frauen noch immer das Gros der unbezahlten Familienarbeit leisten, errichtete Pilz  diesen Sommer im Wiener Resselpark erneut eine temporäre Leintuchskulptur. Als Denkanstoß.

Milena Österreicher ist freie Journalistin und lebt in Wien.

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