Arbeitende zuerst

Von Rosalie Marktl ·
Fokus Arbeitende: 70 Prozent der Bevölkerung Indonesiens sind zwischen 15 und 64 Jahre alt. © ILO Asia-Pacific/Flickr/CC BY-NC-ND 2.0

Während in unseren Breiten Risikogruppen und ältere Menschen vorrangig gegen Corona geimpft werden, setzt Indonesien auf eine andere Strategie im Kampf gegen die Pandemie.

Am 13. Jänner erhielt der indonesische Präsident Joko Widodo seine erste Covid-19 Impfung im Präsidentenpalast in der Hauptstadt Jakarta und startete damit offiziell die Durchimpfung des viertbevölkerungsreichsten Staates der Welt. Mit seinen 59 Jahren gehört er gerade noch in die Altersgruppe der 18-59-Jährigen, die der Strategie des Gesundheitsministeriums zufolge gleich nach dem Gesundheitspersonal, Beamt*innen und Angehörigen von Risikogruppen geimpft wird.

70 Prozent der rund 270 Millionen Einwohner*innen sind zwischen 15 und 64 Jahre alt. Ziel der Regierung ist es, die arbeitende Bevölkerung aktiv zu immunisieren und damit die ältere Bevölkerung indirekt zu schützen. Vor allem auf dem Land sei das insofern wichtig, als viele Menschen in großen Mehr-Generationen-Haushalten zusammenleben. Kindergarten und Schulen wurden zu Beginn der Pandemie im März 2020 geschlossen und sind seither nur in Gebieten mit sehr niedrigen Inzidenzen unter strikten Vorkehrungen teilgeöffnet worden.

Durch das Vorziehen der arbeitenden Bevölkerung erhofft sich die indonesische Regierung, vor allem auch die Wirtschaft zu retten. Diese rutschte 2020 seit 20 Jahren das erste Mal wieder in die Rezession.

Impfzwang. Zum Start der Impfkampagne wurden Influencer*innen, also Multiplikator*innen im Social Web, zum Impfen vor TV-Kameras gebeten, um Stimmung dafür zu machen. Freiwillig ist das Impfen allerdings nicht: Wer vom Gesundheitsministerium einen Impftermin per SMS erhält, ist verpflichtet, sich impfen zu lassen. Bei Fernbleiben drohen je nach Provinz Strafzahlungen, die Streichung von Sozialhilfen oder sogar Gefängnisstrafen. Dass die Weltgesundheitsorganisation WHO den Impfzwang kritisch sieht, kümmert die Regierung nicht.

Indonesien

Hauptstadt: Jakarta   

Fläche: 1.904.569 km2 (fast 23 Mal so groß wie Österreich) 

Einwohner*innen: 270,2 Millionen (2020, viertbevölkerungsreichstes Land der Welt) 

Human Development Index (HDI): Rang 107 von 189 (Österreich 18) 

BIP pro Kopf: 4.135,6 US-Dollar (2019, Österreich: 50.121,6 US-Dollar) 

Gini-Koeffizient (Einkommensungleichheit): 38,2 (2019, Österrreich: 30,8, 2018) 

Regierungssystem: Präsidialrepublik. Staatsoberhaupt ist Präsident Joko Widodo (seit 10/2014).

Indonesiens Plan ist es, zwei Drittel der Bevölkerung bis Mitte April 2022 zu impfen und damit Herdenimmunität zu erreichen. Das Land erhielt im Rahmen der Impfstoff-Initiative COVAX der WHO über sechs Millionen Dosen des Astra Zeneca-Vakzins, allerdings verschob sich durch den Exportstopp des größten Impfstoffproduzenten Indien die Lieferung und damit bereits der gesamte Impfplan.

Die Vereinigten Arabischen Emirate spendeten Anfang Mai eine halbe Million Dosen des chinesischen Herstellers Sinovac an Indonesien. Inklusive des selbst beschafften Impfstoffes – ebenfalls großteils Sinovac – hat sich Indonesien bis dato 75 Millionen Impfdosen gesichert. Anfang Juni waren nach vier Monaten erst ca. vier Prozent der Bevölkerung voll immunisiert (zum Vergleich: in Österreich rund 20 Prozent).

Logistische Herausforderung. Indonesien erstreckt sich von Ost nach West über 5.000 Kilometer auf rund 17.000 Inseln, viele Orte sind nur per Fähre oder mit dem Flugzeug zu erreichen. Überfüllte Häfen, der mangelnde Zugang zu Elektrizität, der für die durchgehende Kühlung der Impfstoffe wichtig ist, und der Transport in schlecht erschlossene rurale Gebiete – besonders nach Ost-Indonesien – gestalten die landesweite Durchimpfung im Vergleich zu anderen Ländern besonders schwierig. Dass sich so die Hoffnung der Regierung auf eine Rettung der Wirtschaft durch eine rasche Durchimpfung erfüllen wird, erscheint im Moment unwahrscheinlich.

Corona erreichte Indonesien aus Japan im März 2020, Anfang April hatte sich die Krankheit dann auf alle 34 Provinzen des Landes verbreitet. Ende Jänner 2021 erreichte die Krise im Land ihren Höhepunkt, seither sinken die Infektionszahlen bzw. stagnieren bei einer 7-Tages-Inzidenz von 20 pro 100.000 Einwohner*innen.

Rosalie Marktl ist Journalismus-Studentin und arbeitet als Yogalehrende in Wien. Derzeit recherchiert sie für das Südwind-Magazin im Rahmen eines (Pflicht-)Praktikums globale Aspekte rund um Covid-19.

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