Berufsethos und Tabu

Von Die Redaktion ·

Ein ORF-Fernsehfilm über den brasilianischen Candomblé-Kult wirft wieder einmal die Frage auf, wie weit Tabus anderer Kulturen respektiert werden sollen.

Die TV-Dokumentation „Die Pferde der Götter“ von Barbara Puskas befasst sich mit der afro-brasilianischen Religion Candomblé. Im Zentrum der Dokumentarproduktion stand die Verfilmung der Initiation der zehnjährigen Larissa, wodurch einer der intimsten und sakralsten Momente der Candomblé-Religiosität öffentlich gemacht wurde.
Der österreichische Wissenschaftler Andreas Hofbauer, der anfänglich in dieses Filmprojekt involviert war, übermittelte uns folgende Stellungnahme:

„Als Kulturanthropologe, der ich über lange Jahre in Brasilien tätig bin und noch dazu in die Vorbereitungsphase der Filmproduktion involviert war, möchte ich hiermit vehement gegen dieses von der Mehrheit der Candomblé-Initiierten als Sakrileg empfundene Vorgehen protestieren. Ich will auch betonen, dass ich, bevor es zum endgültigen Bruch zwischen Frau Puskas und mir kam, immer wieder darauf hinwies, dass die sakralen Grenzen des Candomblé unbedingt zu respektieren seien.
Trotz mancherlei Unterschiede im Kultalltag der einzelnen Candomblé-Traditionen gibt es doch einen breiten Konsens unter den Priesterinnen und Priestern, der besagt, dass jener religiöse Akt, bei dem die persönliche Gottheit am Kopf des Initianden rituell „fixiert“ wird, nicht bildlich festgehalten werden darf.
Bereits einmal, Mitte der achtziger Jahre, kam es in Brasilien zu einem Eklat, als Bilder eines derartigen Initiationsrituals in die Öffentlichkeit gelangten. Es ist bekannt, dass derartige Eingriffe nicht nur Konflikte innerhalb der Kultzentren schüren, sondern auch Spannungen zwischen Candomblé-Initiierten und Nicht-Initiierten auslösen.
Man kann natürlich einwenden, dass das Filmen der Initiations-Szenen ohne das Einverständnis des Priesters und der Initiierten (bzw. deren Mutter) gar nicht möglich gewesen wäre. Dennoch ist es letztlich von geringer Bedeutung, unter welchen konkreten Bedingungen die Betroffenen ihre Zustimmung gaben. Denn eines ist klar: Es wurde jenes strukturelle Ungleich-Verhältnis ausgenützt, das zwischen einem österreichischen Kamera-Team und der afro-brasilianischen religiösen Welt herrscht. Das, was für die überwältigende Mehrheit der Candomblé-Initiierten als absolut unantastbar gilt, wird in ein Produkt verwandelt, das in unserer Welt als sensationelle Erst-Verfilmung verkauft werden kann.“

Die Dokumentation wurde am 9. Jänner 2001 in ORF2 in der Sendung „Kreuz & quer“ gezeigt.

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