Biwakschachtel für MigrantInnen

Rund um die Biennale 2019 wird die europäische Migrationspolitik thematisiert – mal opulent, mal subtil.

Von Robert Lessmann, Venedig

Eine alpine Notunterkunft (Biwakschachtel) als Symbol gegen rechte Politik.© Robert Lessmann

Die Biennale von Venedig ist als Weltausstellung der bildenden Kunst auch immer politisch – mal mehr, mal weniger. Auch wenn es schon weitaus politischere Jahre gab, ohne Bezüge zu aktuell brennenden Themen kommt auch die diesjährige Biennale nicht aus. Die zentrale internationale Ausstellung hat den Titel „May You Live in Interesting Times“ – das „interesting“ kann auch als „bedrohlich“ interpretiert werden.

Immer wieder präsent: Migration, Grenzen, das Sterben am Mittelmeer. Für Schlagzeilen sorgte etwa „Barca Nostra“. Der Schweizer Christoph Büchel hat das Schiff nach Venedig gebracht, mit dem im Jahr 2015 vor der libyschen Küste 700 Menschen ertrunken waren. Gleich dahinter ragen überdimensionale, weiße Hände über der Marineeinfahrt zu dem „Arsenale“ aus dem Wasser – flehend, betend.

Abseits opulenter Werke überzeugt das „Günther-Messner-Biwak“ auf der Insel San Servolo. Im Jahr 1972 war die alpine Notunterkunft mit vier Klappbetten auf 2.529 Metern Höhe am Hochferner in den Zillertaler Alpen aufgestellt worden – fast direkt auf der innertiroler Grenze. Benannt wurde sie nach dem Bergsteiger Günther Messner, dem jüngeren Bruder von Reinhold Messner, der zwei Jahre davor am Berg Nanga Parbat verstorben war. Das Biwak wurde, parallel zur Biennale, als künstlerische Intervention in die Lagune von Venedig gestellt.

Statement gegen Salvini. Hundert Jahre nach dem Vertrag von Saint-Germain erinnert die Biwakschachtel hier an die Gedenkwürdigkeit von Grenzziehungen. Regelte der Vertrag doch nach dem Ersten Weltkrieg die Auflösung der österreichischen Reichshälfte Österreich-Ungarns und die Bedingungen für die neue Republik Deutschösterreich.

Und: Als offener Schutzraum zwischen den Grenzen kann das Biwak als Ort des Schutzes, der Migration, des Empfangs, des Austausches und der Überwindung von Grenzen gelesen werden. Es steht insofern als Statement gegen die Politiken der Matteo Salvinis dieser Welt im Park von San Servolo.

„Building Bridges": Die weißen Hände von Lorenzo Quinn am Werftgelände Arsenale in Venedig, parallel zur Biennale 2019.© Robert Lessmann

Die rote Metallbox wird vom Verein „ArtintheAlps“, der Kuratorin Christiane Rekade und darüber hinaus von sechs jungen KünstlerInnen bespielt. Sie soll anschließend noch an mehreren Orten in Südtirol zu sehen sein und wurde zu diesem Zweck vom „Messner Mountain Museum“ ausgeliehen.

Die Biwak-Installation ist noch bis 30. November auf der Insel San Servolo bei Venedig zu sehen.

Da Sie schon mal hier sind: Qualitätsjournalismus kostet Geld, und ist wichtiger denn je. Seit 2017 ist das Südwind-Magazin vollkommen unabhängig. Unterstützen Sie unsere kritische Berichterstattung mit einem Abo oder einer Spende. Vielen Dank!

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen