„Das ganze Wirtschaftssystem muss sich ändern“

Von Christina Schröder ·
Im Wiener Geschäft, umgeben von österreichischen Trachten, spricht Tostmann u.a. über Wirtschaft, Konsum und Pandemie-Zeiten. © Daniela Klemencic

Trachten-Unternehmerin Gexi Tostmann erklärt im Interview, warum für sie Produktion in Billiglohnländern nie in Frage kam und warum sie sich gerne abseits von Parteien politisch engagiert.

Sie sind Expertin für die Geschichte der österreichischen Trachten – können Sie diese für uns zusammenfassen, auf den Punkt gebracht?

Ursprünglich waren Trachten die Arbeitskleidung der bäuerlichen Bevölkerung. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie von den Städterinnen und Städtern entdeckt, leicht adaptiert und verziert und in die Sommerfrischemode aufgenommen. Einige Jahrzehnte später haben die Nazis diese Kleidung zur „deutschen Tracht“ erklärt. Das ging bis zu einem Trachtenverbot für Jüdinnen und Juden im Gau Salzburg.

Nach dem Krieg haben dann Menschen wie meine Mutter begonnen, die Trachten für sich zurückzuerobern. Sie setzte – auch aus der Not heraus – auf Materialien aus der Region und Handarbeit.

Trachten wurden zum touristischen Verkaufsschlager und zum Exportprodukt. Ihr Erfolg reichte bis in die USA, dort sind die Trachten als Austrian Look bekannt geworden. Heute stehen sie für Regionalität, Naturverbundenheit und Tradition – sie wurden aber ebenso auch von der „Spaßgesellschaft“ entdeckt und werden als Party-Outfit getragen.

Seit den späten 1980er Jahren hat sich mit der Auslagerung in Billiglohnländer die globale Textilindustrie grundlegend verändert. Sie sind mit der Produktion in Seewalchen am Attersee (OÖ) geblieben. Warum?

Aus tiefster Überzeugung habe ich die Produktion nicht verlegt. Man kann doch nicht mit Handarbeit, Regionalität und Tradition werben und gleichzeitig billig in Asien produzieren lassen. Ich war in dieser Zeit eine der wenigen, die so gedacht hat und „daheimgeblieben“ ist. Das war riskant und es war mir klar: Weder ich noch meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden damit reich. Aber es reicht für uns, wenn die Kundinnen und Kunden viel Geld haben.

Was wünschen Sie sich für die globalisierte Textilindustrie? Wie kann sie von den großteils ausbeuterischen Produktionsbedingungen wegkommen?

Das ganze Wirtschaftssystem müsste sich ändern, nicht nur die Textilindustrie. Aus diesem Grund setze ich mich etwa auch schon seit 30 Jahren für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Wir müssen, was den Konsum betrifft, umdenken – das heißt auch enthaltsamer werden. Es braucht sowohl auf gesellschaftlicher und auch auf wirtschaftspolitischer Ebene ein klares Nein zur Wegwerfgesellschaft und ein überzeugtes Ja zu Slow Food und Slow Fashion.

Sie haben sich seit den 1980er Jahren stark in Umweltfragen engagiert – sei es gegen den Bau des Atomkraftwerks Zwentendorf, für den Erhalt der Hainburger Au oder bei der Gründung der Grünen als Partei. Engagieren Sie sich aktuell gegen die Klimakrise?

Ja, wie schon immer in meinem Leben. Seit jeher auf die Art, wie ich allein oder mit anderen Unternehmen führte, nämlich im Sinne einer lokalen Produktion. Die ist mir auch in punkto Lebensmittel wichtig.

Außerdem verzichte ich auf wenig umweltfreundliche Aktivitäten wie Skifahren und – so weit es geht – aufs Fliegen. Aktuell finde ich es grauslich, wie jetzt wieder der Werbemotor für das Fernreisen angeworfen wird, als ob es keine Klimakrise gäbe.

Biografie 

Gesine „Gexi“ Tostmann wurde 1942 im oberösterreichischen Vöcklabruck geboren und wuchs – mit Unterbrechungen – in Seewalchen am Attersee auf. Sie studierte europäische Ethnologie (damals Volkskunde) und Geschichte in Wien und dissertierte 1967 zum Thema „Wechselwirkung von Tracht und Mode in Österreich“. Das Interesse daran kam nicht von ungefähr, denn ihre Eltern hatten nach dem Krieg eine Trachtenmanufaktur gegründet. Allerdings hatte das Ehepaar unterschiedliche Zugänge zum Unternehmen und daher erfolgte eine Teilung der Firma im Jahr 1968. Die Mutter setzte auf Handarbeit und Einzelanfertigung und der Vater auf Konfektion und Export.   

Gexi Tostmann stieg nach dem Studium im mütterlichen Unternehmen in Wien ein. Später übernahm sie das väterliche Unternehmen, das inzwischen die Kinder ihrer Schwester geerbt hatten, und redimensionierte es. 1986 fusionierte sie beide Firmen und führte bis 2003 die Produktionsstätten und Geschäfte in Seewalchen am Attersee und Wien. Sie übergab an Tochter Anna und ist seither „Adabei“ im Unternehmen.   

1980 gründete Gexi Tostmann gemeinsam mit Freund*innen den Kulturverein Mölkerstiege mit den Schwerpunkten Volkskunde und Ökologie. Sie unterstützt bis heute Initiativen zum bedingungslosen Grundeinkommen, für Umweltschutz, gegen Atomkraft, Vereine im Asylwesen, gegen Gewalt in der Familie sowie für Frauenhäuser. Zudem engagiert sie sich für die Friedensbewegung.   red

Sind Sie selbst politisch aktiv?

Ja, aber ohne Parteizugehörigkeit und Parteiprogramm. Ich mag das Wandern, in dem Sinne, dass ich mich für die Dinge einsetzen und Menschen unterstützen will, die ich für richtig und wichtig erachte. Da möchte ich beweglich und uneingeschränkt sein und handeln können.

Was sind Ihrer Meinung nach die dringlichsten Bereiche, die die Politik in Österreich heute verbessern sollte?

Da gibt es vieles, das im Argen liegt und reformiert gehört: Abgesehen von der Korruption, die es selbstverständlich nicht geben dürfte, die Asylpolitik, in der immer nur von allen Parteien geblufft wird; das Schulsystem; die Umweltpolitik, oder auch der Tierschutz und die Art, wie mit Tierschützerinnen und Tierschützern umgegangen wird.

Was empfinden Sie, wenn Sie in Ihren Trachten gekleidete Menschen sehen, die politisch ganz woanders stehen als Sie als Linke?

Ich fühle mich nicht als Linke. Ich bin ein sozialer Mensch. Und als solcher sage ich zu meinen vielen lieben Freundinnen und Freuden, die nicht rechts stehen, dass sie mehr Trachten tragen sollen.

Goldhaubenfrau und Punk. Diese Zeichnung stammt aus den 1970ern, wer sie gemacht hat ist nicht bekannt. Tradition und Avantgarde werden auch von Gexi Tostmann geschätzt. © Archiv Tostmann

Seit 2006 küren Sie gemeinsam mit Ihrer Tochter alle zwei Jahre sogenannte „Botschafter und Botschafterinnen der Tracht“ – auch das Modedesigner-Ehepaar Vivienne Westwood und ihr österreichischer Mann Andreas Kronthaler waren schon darunter. Westwood gilt auch als britische Punk-Ikone. Was hat Punk mit Tracht zu tun?

Wir vergeben da immer zwei Preise, die der Bandbreite der Tracht – aus unserer Sicht – gerecht werden: Den Emilie-Flöge-Preis für einen eher avantgardistischen Zugang und den Konrad-Mautner-Preis für eine traditionelle Auslegung.

Das Ehepaar Westwood-Kronthaler hat seinerzeit gemeinsam mit Martina Pühringer die Auszeichnungen bekommen. Letztere ist die Obfrau der Gemeinschaft der 18.000 Goldhauben- und Kopftuchfrauen in Oberösterreich.

Vivienne Westwood hat vor vielen Jahren bei einer Diskussionsveranstaltung in Altaussee gesagt: „Würde jede Frau ein Dirndl tragen, gäbe es keine Hässlichkeit.“ Diese Worte wurden viel zitiert und haben auch junge Menschen wieder zur Tracht gebracht. Westwood sieht sich heute nicht mehr als Punk-Queen, ist aber nach wie vor eine Rebellin in gewisser Hinsicht. Wir zwei teilen auch einige Überzeugungen: wir bevorzugen das traditionelle Handwerk gegenüber der Massenproduktion, spüren den Drang zur Konsumverweigerung und die Notwendigkeit des Klimaschutzes.

2018 und 2019 veranstaltete ihre Firma Tostmann Trachten gemeinsam mit dem Verein Palästinensischer Frauen in Österreich und der Arabischen Fraueninitiative Österreich Modeschauen, bei denen traditionelle Kleidung aus verschiedenen überwiegend muslimischen Ländern und Österreich vorgeführt wurden. Wie hat das funktioniert?

Bekleidung ist seit jeher weltweit ein Mittel, um Gruppenzugehörigkeit auszudrücken bzw. sich von anderen abzugrenzen. Bei diesen Modeschauen feierten hunderte Frauen aus unterschiedlichen Ländern ihre eigene traditionelle Kleidung, aber auch die der anderen: Da haben palästinensische Frauen auch österreichische Dirndl vorgeführt und darin gestrahlt. Wertschätzung gegenüber dem eigenen Kulturgut und dem der anderen verbindet.

Man sieht Sie in der Öffentlichkeit eigentlich immer im Dirndl. Tragen Sie auch andere Kleidung, z.B. am Sonntag gemütlich auf der Couch?

Ich habe nichts anderes (lacht). Naja, stimmt nicht ganz, neben meinen über 365 Dirndln besitze ich schon auch Jeans und Rollkragenpullover – die ich aber kaum anziehe.

Sie haben eine Bibliothek mit über 6.000 Büchern – die Hälfte davon archivierte Fachliteratur zu europäischer Ethnologie und Trachten. Haben Sie eine Lieblingsliteratin oder einen Lieblingsliteraten?

Seit Jahren verschlinge ich die Werke der ganzen Familie Schirach, und Ilija Trojanow lese ich auch immer gerne. Er schreibt fantastisch – mit so viel historischem Wissen, unaufgeregt, lebensbejahend und gleichzeitig weltoffen.

Was ist Ihr persönliches Rezept, um gut durch die Pandemiezeit zu kommen?

Ich bin zum Glück seit jeher ein furchtloser Mensch. Ich vertraue darauf, dass sich alles gut ergibt. Deswegen bin ich z.B. auch einen riskanten Weg in der Unternehmensführung gegangen, als ich die Produktion in Seewalchen am Attersee belassen habe. Nur mit dem Kopf voran ins Wasser springe ich nicht, aber das muss ja auch nicht sein.

Interview: Christina Schröder

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