Der hohe Preis des Luxus

Warum Modeunternehmen ihre Überproduktion vernichten.

Von Marlene Nowotny
London Fashion Week: Ein Model trägt die Marke Burberry, deren Manager nun Besserung geloben.© Jimmy James / Camera Press / picturedesk.com

Wie man fair und nachhaltig produziert, gehört zu den brennenden Fragen in der Modeindustrie. Im vergangenen Jahr wurde das Problem buchstäblich sichtbar: Denn aus den Geschäftsberichten einiger Luxusunternehmen geht hervor, dass diese ihre Überproduktion systematisch vernichten – meist werden unverkaufte Kleidung und Accessoires verbrannt. Das geht auf Kosten von Mensch und Umwelt.

Luxusmode lebt von ihrer Exklusivität: Die Produkte sind teuer und das Angebot knapp. Um das zu erreichen, zerstören viele Unternehmen ihre Überproduktion. Die Waren in den Ausverkauf zu geben oder zu spenden, könnte dem Markenimage schaden, so eines der Argumente. Ein Geschäftsgebaren, das im vergangenen Jahr zu einer Kontroverse geführt hat, in deren Mittelpunkt das britische Modeunternehmen Burberry stand, das hochpreisige Kleidung, Schuhe und Taschen produziert.

Kein Einzelfall. Laut Geschäftsbericht gab das Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren rund 100 Millionen Euro für die Vernichtung von Kleidung und Kosmetikprodukten aus. Das trug dem Modehaus jede Menge negativer Schlagzeilen und einen Aufschrei in den Sozialen Medien ein. Von „Burberrys Fegefeuer der Eitelkeiten“ war die Rede und vom skrupellosen Geschäftsgebaren des Unternehmens. Die Überproduktion systematisch zu vernichten, ist jedoch keine Ausnahme in der Modeindustrie, sondern viel mehr etablierte Praxis – bei hochpreisigen Designern genauso wie bei Discountern, nur die Motive dahinter sind unterschiedlich.

Vernichtung zahlt sich aus. „Obsolete Lagerbestände“ zu vernichten gehört auch zur Strategie des Luxus-Multis Moët Hennessy – Louis Vuitton, kurz LVMH, zu dem neben der Modemarke Louis Vuitton auch Fendi, Emilio Pucci, Givenchy oder Céline gehören. Einen Abverkauf saisonaler Produkte gibt es hier nie oder nur selten. „Alte Produkte“ könne man aus Qualitätsgründen nicht mehr an die Kundinnen und Kunden verkaufen, so die Erklärung des Konzerns. Außerdem müssten sich die Designerinnen und Designer vor Fälschungen schützen – auch dazu würde die Vernichtung beitragen.

Teures Image. Viel plausibler ist jedoch ein Argument aus der betriebswirtschaftlichen Theorie: Preisnachlässe schaden dem Image der Marken. Denn wer ist bereit, tausende Euro für Handtaschen, Schuhe und Kleidungsstücke auszugeben, wenn die Produkte nach wenigen Monaten um die Hälfte zu haben sind?

In der billigen „Fast Fashion“, in der ein T-Shirt keine hundert, sondern nur einige wenige Euro kostet, wird anders argumentiert. Hier will man die Kosten über die gesamte Produktions- und Lieferkette hinweg reduzieren. Kommt es zu Fehlern in der Herstellung oder bei der Lagerung, werden die Produkte vernichtet. Der Modediscounter H&M musste bereits zugeben, fehlerhafte Waren regelmäßig in einer Müllverbrennung in Schweden zu vernichten. Als „positives“ Argument führte der schwedische Textilriese an, damit zur Energiegewinnung beizutragen.

Zweitgrößter Umweltverschmutzer. Die Modeindustrie ist eine der lukrativsten Wirtschaftszweige der Welt. Schätzungen von Umweltorganisationen und Unternehmensberatungen zum weltweiten jährlichen Umsatz reichen von einer Billion Euro bis zu mehr als zwei Billionen Euro. Sie produziert jedes Jahr mehr als einhundert Milliarden Kleidungsstücke, von denen ein großer Teil schon bald im Müll landet. Nicht nur deswegen gehört die Mode zu den „schmutzigsten“ Produktionssegmenten des Planeten.

Laut einem Bericht der Vereinten Nationen ist sie nach der Öl- und Gasindustrie der zweitgrößte Verschmutzer der Umwelt. Sie verursacht jährlich den Ausstoß von 1,2 Milliarden Tonnen Treibhausgasen und damit mehr als alle internationalen Flüge und Schiffe gemeinsam. 2015 verbrauchten Textilproduzenten fast 80 Milliarden Kubikmeter Süßwasser und hinterließen 92 Millionen Tonnen Abfall.

Doch nicht nur die Umwelt leidet unter dem massiven Einsatz von Ressourcen und Energie. Dass sich die Vernichtung von Bekleidung, Handtaschen, Schuhen und Kosmetik auszahlt, liegt allen voran an den schlechten Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie. Die Recherchen der Clean Clothes-Kampagne zeigen seit Jahren, dass teure Designermode oft unter ähnlich schlechten Arbeitsbedingungen produziert wird wie Produkte von Discountern. Die wenigsten geben allerdings Einblick in ihre Produktionsabläufe.

Hungerlöhne in Luxusindustrie. Zu den Marken, die intransparent agieren, gehört beispielsweise das italienische Luxus-Label Gucci, bei dem ein Paar Schuhe 600 Euro aufwärts kostet. Das bedeute aber nicht, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter, die diese Schuhe herstellen, einen existenzsichernden Lohn erhielten, betont Stefan Grasgruber-Kerl von Südwind und der Clean Clothes-Kampagne Österreich. Sie ist Teil der international aktiven Kampagne, die sich für faire Arbeitsbedingungen in der Textilbranche einsetzt.

Die Modefirmen sind stets auf der Suche nach günstigeren Produktionsstätten. „Die Modekarawane zieht ständig weiter, immer in das nächste Niedriglohnland“, so Grasgruber-Kerl. War vor einigen Jahren noch Bangladesch das Zentrum der Textilproduktion, wird heute auch in Ländern wie Myanmar oder Äthiopien produziert. „Dort werden in der Bekleidungsindustrie Hungerlöhne von 25 Euro im Monat bezahlt“, sagt Grasgruber-Kerl.

Auch in Europa gebe es Staaten, in denen die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilindustrie bei weitem keine existenzsichernden Löhne erhielten. 2015 zeigte eine Untersuchung, dass die Löhne für Textilarbeiterinnen in Rumänien und Bulgarien nur rund 18 Prozent des Existenzminimums ausmachten. Ein Umstand, den Billigmarken und teure Designerlabels gleichermaßen ausnützen. „Der Preis eines Kleidungsstücks im Geschäft steht leider in keinem Verhältnis zur Entlohnung der Arbeiterinnen“, so Grasgruber-Kerl.

Besserung gelobt. Wegen der niedrigen Produktionskosten zahlt es sich für große Modeunternehmen nach wie vor aus, ihre Überproduktion zu vernichten. Dem steht nur der Unmut der Konsumentinnen und Konsumenten gegenüber. Und der scheint langsam Wirkung zu zeigen. Burberry hat zumindest Besserung gelobt. Das britische Unternehmen gab bekannt, seine Waren nicht länger vernichten und die Textilien im Sinn einer Kreislaufwirtschaft weiter nutzen zu wollen.

Doch vielen Luxusunternehmen gelingt es nach wie vor, ihre Produktionsabläufe geheim zu halten. Wie groß der Anteil der Überproduktion ist, die weltweit vernichtet wird, ist vollkommen unklar. Die Kosten, die dadurch entstehen, geben die Unternehmen weiter, nicht nur an die Kundinnen und Kunden. Es sind die Arbeiterinnen und Arbeiter, die ausgebeutet werden, die Umwelt, die verschmutzt wird, und letztlich die Allgemeinheit, die den Preis für diese Exklusivität bezahlen müssen.

Marlene Nowotny ist Redakteurin in der Abteilung Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft von Ö1.

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