Ein Plädoyer für Flops und Scheitern

Von Redaktion ·

ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT jenseits der Komfortzone

Organisationen, die Entwicklungsprojekte umsetzen, haben vor allem eine Angst: dass ihre Projekte scheitern könnten. Daher gehen sie lieber auf Nummer sicher und machen weiterhin das, was immer schon funktioniert hat. Geht doch einmal etwas schief, darf das Scheitern nicht publik werden. Nicht innerhalb der eigenen Organisation, geschweige denn in den entwicklungspolitischen Netzwerken oder gar der Öffentlichkeit.

Die Furcht, dass kritische JournalistInnen Projektflops aufgreifen, publizistisch aufblähen und daraus einen „Spendenskandal“ machen, ist berechtigt. Liegt ein solcher einmal in der Luft – und mag der Anlass noch so gering und begründbar sein – spielt die Medienorgel auf und eine negative Dynamik, die auf die gesamte Entwicklungszusammenarbeit übergreift, kann die Folge sein.

Das „Auf-Nummer-sicher-Gehen“ hat jedoch einen gewichtigen Nachteil: es verhindert Innovation und Lernen. Stattdessen werden Projekte finanziert, die sich selbst genügen und immer aufs Neue das Gleiche generieren. So wird lieber die x-te Fortsetzungsphase der funktionierenden Missionsschule bewilligt als Neuland betreten. Dabei geht es nicht nur um die Zusammenarbeit mit bislang unbekannten, lokalen Organisationen, sondern um neue Methoden und Projektideen. Große Innovationen der letzten Jahre, wie z.B. Mikrokreditprogramme, wären ohne risikofreudige AkteurInnen nicht entstanden.

Die Aufgabe der österreichischen Fördergeber ist dabei weniger, selbst als Innovatoren in Erscheinung zu treten. Vielmehr sollen sie neue Projektideen lokaler Partnerorganisationen finanzieren. Deren Innovationen sind lokal angepasst und nicht mit gescheiterten importierten Lösungen wie dem berühmten Solarkocher, der beeindruckend anzusehen aber in der Praxis unbrauchbar ist, zu vergleichen.

Der Preis für Innovation ist der mögliche Flop. Damit ist nicht der Projektflop gemeint, der aus mangelnder Professionalität entsteht. Gemeint ist das Scheitern, das jedem Risiko innewohnt. Und hier sind wir beim zweiten zentralen Thema: der mangelnden Fehlerkultur. Wessen Hauptbestreben es ist, keine Fehler zu machen, der kann auch nicht mit Fehlern umgehen. Aus Fehlern zu lernen bedeutet, offen mit ihnen umzugehen, die richtigen Fragen zu stellen und auch zu beantworten: Wie kam es dazu? Welche Lehren ziehen wir? Wie können wir und andere von diesem Erfahrungswissen profitieren?

Vielleicht kann hier sogar ein eingeschworener Imperialist abhelfen: Winston Churchill beschrieb „Erfolg“ als die Fähigkeit, von einem Misserfolg zum nächsten zu gehen, ohne seine Begeisterung zu verlieren. In eigenen Worten: Das Schlimmste ist, gar keine Fehler zuzulassen, das Zweitschlimmste ist nichts daraus zu lernen. 

Friedbert Ottacher ist Lektor und langjähriger Praktiker in der Entwicklungszusammenarbeit. Abwechselnd mit Petra Navara und Thomas Vogel setzt er sich an dieser Stelle kritisch mit Theorie und Praxis dieses Arbeitsfelds auseinander.

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