Hartes Match gegen China

Wie argentinische Fußball-Produzenten mit der übermächtigen Konkurrenz aus Südostasien umgehen, hat sich Jürgen Vogt in Bell Ville angesehen.

Fußballnähen ist weitgehend Handarbeit, aus 32 Teilen besteht der Ball.© Jürgen Vogt

Die schwarz-weiße Kugel rotiert zwischen Fernando Fuglinis Händen. „Das hier ist ein absolutes High-Tech-Produkt“, sagt dieser Argentinier, der wahrscheinlich mehr von Fußbällen versteht als Rekordtorschütze Lionel Messi. Er stoppt den Ball, der das offizielle Spielgerät der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ist. „Der hat hier einen Chip, zum Messen der Geschwindigkeit, und ob der Ball die Linie überschritten hat. Ein wunderbarer Ball.“ Thermogeschweißt. Made in China.

Fünfzehn US-Dollar kostet dort die Herstellung des Adidas Telstar 18. Das ist ein Vielfaches der Massenware aus Südostasien, mit der mittlerweile auf den Plätzen in aller Welt gekickt wird. „Allein aus China kommen 30 Billigmodelle auf den Weltmarkt, deren Einkaufspreise zwischen zwei und fünf Dollar liegen“, sagt Fuglini. Er kennt die Kostenstruktur, denn er muss dagegen ankämpfen. „Dale Mas“ heißt die Firma der Gebrüder Germán und Fernando Fuglini in Bell Ville, was soviel wie „Gib noch mehr!“ bedeutet. Mit Südostasien zu konkurrieren ist ein fast unmögliches Unterfangen, selbst in einem Land, das den Fußball zur Staatsreligion erhoben hat.

Bell Villes Superball. Zur „Capital Nacional de la Pelota de Fútbol“, der Hauptstadt des Fußballs, adelte Argentiniens Kongress die 42.000-EinwohnerInnen-Gemeinde Bell Ville, 550 Kilometer westlich der Landeshauptstadt Buenos Aires.

Hier erfanden drei Männer den modernen Fußball: Statt eine zugeknotete oder mit den damals üblichen Ventilen versehene Luftblase im runden Leder lose zu verstauen und mit einem Lederriemen zuzuziehen, konstruierten sie ein nach innen gerichtetes Ventil, das sich an der Lederhülle fixieren ließ. Jetzt konnten sie den Riemen durch eine nicht mehr sichtbare kleine Öffnung ersetzen. Patentiert und produziert trat der „Superball“ 1931 aus Bell Ville sein Siegeszug um die Welt an.

In Bell Ville wird nur mit der Hand genäht. 90 Prozent der NäherInnen sind Frauen. Männer kommen nur, wenn auf dem Bau oder in der Landwirtschaft Flaute ist.

Keine der NäherInnen hat einen Vertrag. „Müssten wir den Näherinnen und Nähern Sozialleistungen zahlen, wäre die Produktion schlicht zu Ende“, gesteht Firmenchef Fuglini. 70 Peso – umgerechnet 2,40 Euro – bekommen die NäherInnen für einen Ball, der für gut 14 Euro verkauft wird. „Das sind 17 Prozent unseres Verkaufspreises, in Südostasien liegt dieser Anteil weit darunter“, rechnet er vor. 500.000 Fußbälle werden alljährlich für den Binnenmarkt produziert. „Für den Weltmarkt sind wir viel zu teuer“, so Fuglini.

Etwa fünfzehn Betriebe gebe es in der Stadt selbst, schätzt er, in den umliegenden Orten gäbe es noch 20 weitere Hersteller. „Dale Mas“ fabriziert 35.000 Stück pro Jahr und ist damit der größte Hersteller in Bell Ville.

Die Bälle aus Südostasien werden maschinell oder von Hand genäht. Beim Verkaufspreis fällt beides nicht ins Gewicht. „Zum Glück müssen heute internationale Firmen wie Adidas oder Nike nachweisen, dass ihre Bälle nicht von Kindern gefertigt wurden“, betont Fuglini.

Fernando Fuglini ist Sohn des Firmengründers und gemeinsam mit seinem Bruder Geschäftsführer von „Dale Mas“.© Jürgen Vogt

Die gute, alte Zeit. Von klein auf werkelten der heute 55-jährige Fernando und sein fünf Jahre jüngerer Bruder Germán in der Firma, die Vater Roberto 1965 in drei alten Schuppen eingerichtet hatte. Fernando Fuglini schwärmt von der guten Zeit: „Wir machten 10.000 Bälle im Monat.“ Sie hatten sechzig Angestellte und rund 500 NäherInnen. Mit achtzehn reiste er Anfang der 1980er nach Buenos Aires zu den großen Sportartikelgeschäften. Auf dem Bestellzettel fixierten sie nur die Preise, nie die Menge. „Die Einkäufer sagten nur, ‚Bring mir Fußbälle, ich sage dir, wann es genug ist‘.“

1985 herrschte Hyperinflation in Argentinien. An manchen Tag gaben die Fuglinis morgens, mittags und abends die neuen Preislisten heraus. Zeitgleich mit zwei Telefonen wurden Verkauf und Einkauf organisiert. „Am einen Ohr verkauften wir 100 Bälle, am anderen Ohr kauften wir das Material für die nächsten 100 Bälle“, erinnert sich Fernandos Bruder Germán Fuglini.

Als der neoliberale Präsident Carlos Menem in den 1990ern Argentinien für Importe öffnete, wurde eine zweijährige Importsteuer auf Fußbälle vereinbart. Wegen der allgemeinen Rezession ging der Verkauf dennoch zurück.

Auch nach dem Zusammenbruch um die Jahrtausendwende zeigte die Kurve weiter nach unten. Doch die Kirchner-Regierungen drosselten die Importe und ein leichter Aufstieg setzte ein.

Nur Zubrot. Dreimal in der Woche ist bei „Dale Mas“ Annahme. Da kommen die NäherInnen, bringen die zusammengenähten Fußbälle und nehmen die Einzelteile für die nächsten mit. Erwartet werden sie von Ana Rosa Vaía. Seit 1975 ist sie im Betrieb, jetzt fehlen ihr noch zwei Monate bis zur Rente. „Gestern waren es 44 Bälle, ein normaler Eingang“, sagt sie. Marie Turra bringt fünf Bälle. Knapp drei Stunden hat die 28-Jährige an jedem genäht. 70 Peso bekommt sie für jeden Ball, ca. zwölf Euro für die fünf, ein Zubrot zum Familieneinkommen, mehr nicht.

„Hier bezahlen sie am besten, bei den anderen gibt es nur 55 oder 60 Peso“, meint Turra, steckt die neuen Materialien in die Tasche und geht.

Seit Präsident Mauricio Macri in den vergangenen zwei Jahren die Importschranken immer weiter senkte, rollen die Bälle aus Fernost unaufhaltsam ins Land. Das Paradebeispiel lieferte ausgerechnet der Ölkonzern YPF: Für eine Aktion an Tankstellen importierte der Staatskonzern eine Million Fußbälle aus China. Zwar hätten sie aus Bell Ville mit YPF verhandelt. Denen sei es aber nur um den billigsten Preis gegangen und nicht um die nationalen kleinen Unternehmen.

Der chinesische Telstar 18 ist für einen gepflegten Rasen in hochmodernen Stadien und nichts für Fußballplätze, die von rostigen Zäunen und rauen Betonmauern umgeben sind. „Einmal richtig dagegen geballert, ist die Luft raus“, sagt Germán Fuglini.

Billigbälle machen noch schneller schlapp. Dennoch werden in Argentiniens Sportgeschäften nur noch Importbälle verkauft. Bei „Dale Mas“ setzen sie auf Qualität und den Direktverkauf. 90 Prozent des Absatzes gehen direkt an Stadtteilclubs und an Vereine in den unteren Ligen. „Die wissen, dass unsere Fußbälle mehr hergeben“, sagt Fernando Fuglini.

Jürgen Vogt lebt seit 2005 in Buenos Aires und ist u.a. Korrespondent der taz.

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