Ketzerisch

Von Gerhard Karpiniec ·

Leitartikel 9/2005

Erlauben Sie mir zu dem fast ketzerischen Artikel von Frau Pilz „Welche Hilfe hilft ?“ noch einige Ergänzungen zu machen. Es gibt in der gesamten EZA kein Forum, wo Fehleranalysen getätigt und veröffentlicht werden. Keine der immer neu entstehenden NGOs hat die Möglichkeit, aus den Fehlern der Anderen zu lernen. Es gibt mehr Schlagworte, Verwaltung, Organisation und Organisationen als produktive Arbeit vor Ort. Ich zitiere den kenianischen Wirtschaftsexperten James Shikwati aus einem Interview (Der Spiegel, Nr.27/4.7.2005, Seite 106) über die Folgen der westlichen Entwicklungspolitik: Sie haben uns „zu Bettlern erzogen“. Tatsächlich überschütten wir unsere Weltmitbürger in den EZA-Ländern mit sozialer und ausbildnerischer Hilfe. Wer diese Hilfe auf Dauer finanziert, dafür gibt es wohl nur eine Lösung, die niemand hören will, das eigene Steueraufkommen in den jeweiligen EZA-Ländern. Dass Korruption, so wie von Frau Pilz genannt, ein gravierendes Problem ist, steht außer Zweifel. Warum die EZA aber als Finanzierungsinstrument der Sozial- und Bildungsarbeit keine Vorzeigewirtschaftsarbeit leistet, ist nicht verständlich. Sinnvolles, kontrolliertes Investieren in die Wirtschaft kann mehr bringen als die jetzigen sozialen Füllhörner. Jeder seriöse Arbeitsplatz im Produktionsbereich in einem EZA-Land sichert nicht nur dem/der Arbeitnehmer/in, sondern auch ihrem/er Partner/in und auch 3- 5 Kindern ein vernünftiges Auskommen und eine stabile Weiterentwicklung. Darum lasst uns weiterhin – wie Frau Pilz – die Systeme und die Arbeit fast „ketzerisch“ hinterfragen. Denn die Geschichte hat gezeigt, dass die Ketzer meist recht haben – zum Glück werden diese derzeit „nur“ vorverurteilt und nicht mehr verbrannt, aber vielleicht haben sie auch, wie früher, recht.
Gerhard Karpiniec
2361 Laxenburg

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