Türkenbelagerung

Von Ralf Leonhard ·

Doygu Özkan

Sachbuch. Metroverlag, Wien 2011, 155 Seiten. € 19,90

Nicht Kopftücher oder Minarette seien für das Zusammenleben von Einheimischen und türkischen MigrantInnen entscheidend, meint die Autorin. In der Türkei geboren, in Vorarlberg aufgewachsen und an Unis in Wien und Berlin ausgebildet, kann sie genügend Sachkompetenz beanspruchen, über die beiden Kulturen und deren oft schwieriges Zusammenleben zu urteilen. Sie greift dabei 500 Jahre in die Geschichte zurück und schildert die osmanische Expansion im 16. und 17. Jahrhundert, die zweimal vor den Toren von Wien scheiterte. Die Türkenbelagerungen und die damit einhergehenden Brandschatzungen in Ostösterreich verbreiteten verständliche Angst vor der islamischen Großmacht. Doch schon bald nachdem unter Prinz Eugen eine osmanisch besetzte Stadt nach der anderen in Ungarn und Serbien für das Habsburgerreich rückerobert war, wurde türkische Kultur chic. Mozarts Rondo alla turca aus der Klaviersonate Nr. 11 mag nur als ein Beispiel dafür dienen.

Özkan räumt en passant mit mehreren gern gepflegten Klischees auf: etwa mit der Sage, wie das Kaffeehaus nach Wien kam, und listet urwienerische Spezialitäten wie Apfelstrudel und Kipferl auf, die eigentlich aus der türkischen Küche kommen. Sie führt auf einem „osmanischen Spaziergang“ durch Wien, wo noch Kanonenkugeln aus den Türkenkriegen in Hausfassaden eingemauert sind oder Denkmäler an den Erzfeind des Kaiserhauses erinnern.

In der Integrationsdebatte appelliert die Autorin an beide Seiten, aufeinander zuzugehen. Sie wendet sich gegen die von manchen türkischen Politikern erhobenen Forderungen, türkische Migranten und Migrantinnen mögen Europa unterwandern, ebenso wie gegen atavistische Ehrenmorde und Zwangsehen. Aber auch gegen lokale PopulistInnen, die mit dem Hochspielen von Kopftuch und Minarett als angebliche Beweise des Integrationsunwillens die Bevölkerung aufwiegeln und aus jeder Bürgerinitiative gegen ein Bethaus einen Glaubenskrieg machen.

Leider haben sich viele ärgerliche Fehler eingeschlichen, die ein sorgfältigeres Lektorat ausgebügelt hätte. So wird Kronprinz Rudolf (1858-1889) als Sohn von Maria Theresia (1717-1780) ausgegeben, Ludwig XIV von Frankreich mit Ludwig XVI oder Mündel mit Vormund verwechselt. Trotzdem sei das Büchlein als leichte Lektüre allen empfohlen, die sich in die Problematik einlesen wollen.

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