Warten auf Aufschwung

Warum in Simbabwe nach der Ära Mugabe der versprochene Wandel vorerst ausbleibt, erklärt Martina Schwikowski.

Die neue Regierung spricht von wirtschaftlichem Neuanfang. Leere Brotregale sprechen allerdings eine andere Sprache.© Tsvangirayi Mukwazhi / AP / picturedesk.com

In Simbabwes Straßen regiert der Schwarzmarkt. Downtown Harare ist zum Einkaufszentrum für Bargeld, vor allem US-Dollars, geworden. Das einst blühende afrikanische Land ist bankrott. Zwischen Fifth Street und der Robert Mugabe Avenue liegt Harares Busbahnhof Road Port. Dort befindet sich die „Bank“, der niemals das Geld ausgeht: An dieser lebendigen Straßenecke, aber auch an anderen zentralen Orten, zählen HändlerInnen in Windeseile für ihre KundInnen Bargeld ab. Der US-Dollar beherrscht den Markt.

Ohne ausländische Währung liegt das Leben in Simbabwe brach. Daran hat auch die Wahl des neuen Präsidenten Emmerson Mnangagwa im August 2018 nichts geändert. Mnangagwa hat mit knapper Mehrheit von 50,8 Prozent der Wählerstimmen gewonnen, gegenüber den 44,3 Prozent Zuspruch für Nelson Chamisa, den jungen Kandidaten des oppositionellen MDC (Bewegung für demokratischen Wandel). Der 76-jährige Mnangagwa, Vorsitzender der Regierungspartei Zanu-PF, war Vizepräsident in der Regierung von Robert Mugabe und gilt als Hardliner.

Nachdem Mugabe ihn wegen Unstimmigkeiten aus seinem Kabinett entlassen hatte, griff das Militär ein und zwang den 93-jährigen Mugabe nach 37 Jahren im November 2017 zum Rücktritt (vgl. SWM 1-2/2018).

Die wirtschaftliche Lage hatte sich unter Mugabes korrupter Herrschaft ständig verschlechtert. 2009 kam es zur Hyperinflation: Das Land war gezwungen, seine eigene Währung, den Simbabwe-Dollar, abzuschaffen und führte den US-Dollar ein. „Die Menschen hatten durch die Umstellung der Währung ihre Ersparnisse verloren. Die Anzeichen sind jetzt wieder da, dass sich die Krise zuspitzt“, sagt Priviledge Musvanhiri, ein junger Journalist in Harare. „Viele Menschen haben schrittweise Dollars von ihren Konten geholt und zu Hause deponiert.“

Begehrte US-Dollars. Harte US-Dollars sind begehrt. Zudem gibt es noch die sogenannten Bond-Noten als offizielle Währung. Die Zentralbank hatte sie 2016 wegen des Geldmangels in Umlauf gebracht. Es sind Geldscheine, die den Dollar-Noten im Wert gleichstehen, aber außerhalb des Landes nicht genutzt werden können. „Im Handel gibt es für einen Dollar bis zu 1,5 Bond-Noten“, sagt Musvanhiri. „Diese Scheine haben die Inflation noch gesteigert.“

Menschen stehen Schlange an den Geldautomaten, die in der Regel aber gar nichts mehr hergeben. Manche schlafen sogar vor der Bank, in der Hoffnung, dass am frühen Morgen eine 20 US-Dollar Note aus dem Automaten kommt.

Je mehr die Banken versuchen, Bargeld festzuhalten, um so mehr besorgen sich die Menschen Bares auf dem Schwarzmarkt. SimbabwerInnen zahlen im Alltag entweder mit Bargeld in ausländischer Währung, den Bond-Noten oder auf elektronischem Wege. Kartenzahlungen kosten extra und werden nicht überall akzeptiert; ein etwas teureres Zahlungssystem per Handy gibt es auch.

Vor kurzem kündigte der Finanzminister an, auf jede elektronische Zahlung zwei Cent pro Dollar aufzuschlagen.

„Die Regierung hat bisher nichts getan“, klagt Musvanhiri. „Die Firmen reagieren auf die Krise. Ich wollte Ziegel für unser Haus kaufen, aber im Augenblick ist Lieferstopp wegen Geldmangels“, fügt er hinzu.

ExpertInnen sind skeptisch, was die Zukunft angeht: „Die Regierung lässt das Budget-Defizit – im vergangenen Jahr waren es 40 Prozent – mit Vorschüssen von der Zentralbank stopfen, die sie auch mit hohen Zinsen zurückzahlen will. Doch das sind falsche Versprechungen“, sagt Derek Matyszak, Mitarbeiter des Internationalen Instituts für Sicherheitsstudien im benachbarten Südafrika. Matyszak lebt in Simbabwes Hauptstadt Harare und beobachtet das tägliche Geschehen in dem desolaten Land.

„Es ist zu wenig echtes Geld im Bankensystem. Wenn die Regierung Geld braucht, weist sie die Zentralbank an, größere Kredite auszustellen. Aber es ist nur elektronisches Geld.“

Zulieferer und Unternehmen wie Bergbaufirmen und Supermärkte – es werden kaum noch Waren im Land produziert – wollen ohne Verluste in US-Dollar bezahlt werden. Die Folge der Krise: Investoren verlassen das Land.

Versprechungen. Dabei hatte Präsident Mnangagwa bei Amtsantritt versprochen, dass ein neuer Aufschwung in Simbabwe bevorstehe. Er wolle Investoren gewinnen und Schulden bei Geldgebern bezahlen. „Der US-Dollar macht 90 Prozent aller Zahlungen in der Wirtschaft aus, aber wir haben keine Kontrolle über den Dollar. Wir müssen unsere eigene Währung wieder einführen“, sagte Mnangagwa.

Er versprach auch, Arbeitsplätze zu schaffen: 85 Prozent der SimbabwerInnen müssen ohne formelle Beschäftigung ihren Alltag bewältigen. Viele seien unwillkürlich zu StraßenhändlerInnen geworden, erklärt Journalist Musvanhiri: „Wer noch Lohn verdient, bekommt ihn kaum ausbezahlt, die Zahlung erscheint nur als elektronische Überweisung im System der Bank. Mit dem Betrag kaufen sie zum Beispiel per Kartenzahlung ein, ohne dass Geld vorhanden ist – eine Scheinwirtschaft.“

Wie ernst meint es die Regierungspartei Zanu-PF mit dem versprochenen Neuanfang? Analyst Matyszak denkt, dass es Mnangagwa schon ernst meine: „Er muss die Wirtschaft retten – schon allein für sein politisches Überleben. Der Präsident hat allerdings bisher weder die Ausgaben der Regierung beschnitten noch die Korruption bekämpft.“ Zu massiv sei das wirtschaftliche Vakuum, das der Autokrat Mugabe mit seiner Machtpolitik geschaffen habe.

Zumindest die politische Atmosphäre im Land hat Mnangagwa verbessert: „Die Präsidentschaftswahlen 2018 waren freier als jene in den Jahren zuvor“, stellt Matyszak fest. Zwar besitze Simbabwe im 21. Jahrhundert nur einen staatlich kontrollierten Fernsehsender und wenige Radiostationen, die alle die Propaganda der Regierung ausstrahlen. Und: Die Frage nach den Menschenrechten bleibe ein heikles Thema. „Aber man darf trotzdem die Hoffnung der Menschen nicht unterschätzen.“

Martina Schwikowski ist Korrespondentin der tageszeitung (taz) für das südliche Afrika und lebt in Johannesburg.

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