Wenn „alternativ“ keine Alternative ist

Von Richard Solder ·

Blogs und unabhängige Medienprojekte sprechen oft Klartext, und vernachlässigte Themen an. Manche pseudokritischen Portale führen einen rasch in düstere Ecken.

Ein neues, interessantes alternatives Medium? Was mich letztens auf den ersten Blick neugierig machte, erwies sich wenig später als ein äußerst problematisches Propaganda-Organ einer sektenähnlichen Gruppierung.

Gefunden hatte ich einen Flyer neben der Kassa im Greißler ums Eck, der auf regionale oder fair gehandelte Produkte setzt. Zusammen mit Brot und Milch nahm ich den Zettel und schaute mir die Online-Plattform zu Hause an. Um dann den Laptop bald wieder angewidert zuzumachen: Geboten wurden zusammengedichtete Informationen und Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Stimmung gegen Flüchtlinge inklusive. Die Inhaber des Geschäftes haben zum Glück auf meinen Hinweis dann reagiert und die Infozettel entfernt.

Abseits von Trends. Keine Frage, es braucht alternative Perspektiven und querdenkerische Kanäle. Die hatten immer schon ihren Platz und sind heutzutage wohl wichtiger denn je: Denn große klassische Medien wollen bzw. können teils nicht alles abdecken. Viele hecheln Trends und Klickraten hinterher. Ganz allgemein haben Redaktionen immer weniger Ressourcen.

Es gibt genug Platz für individuelle journalistische Projekte und Blogs, die auf das schauen, was andere vernachlässigen.

Beispiele für solche Kanäle gibt es auf der ganzen Welt, auch im Globalen Süden, wo klassische, redaktionell unabhängige Medien nicht immer selbstverständlich sind.

In Österreich machen es etwa dossier.at oder die Website dietiwag.org von Markus Wilhelm vor: Letztere etablierte sich als kritische Instanz Tirols und darüber hinaus, mit Enthüllungen zu Umweltsünden der Politik oder der „Causa Erl“, den sexuellen Übergriffen bei den Tiroler Festspielen.

Gerade derartige Projekte haben oftmals viel Distanz zu den Mächtigen und können ihnen gut auf die Finger schauen.

Skeptisch bleiben. Für MedienkonsumentInnen ist bei aller alternativer Vielfalt wichtig: Seien Sie sich bewusst, wer für das Medium verantwortlich ist und mit welchen Interessen es betrieben wird. Geht es glaubwürdig nur darum, zu informieren? Handelt es sich um Journalismus, der verschiedene Seiten zu Wort kommen lässt, oder um Meinungsmache?

Das ist gar nicht immer alles gleich klar. In Zeiten, in denen seriös wirkende Webseiten schnell gemacht sind, empfiehlt sich ein dritter und ein vierter Blick bzw. eine kurze Recherche zu neu entdeckten Portalen.

Der Glaube an Verschwörungstheorien und vermeintlich einfachen Antworten wird gerade jetzt immer größer.

Die Welt ist komplex. Und auch ohne Verschwörungen gibt es genug aufzudecken. Dafür sorgen die EntscheidungsträgerInnen in Politik und Wirtschaft schon.

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