Wirtschaftsfaktor Mais

Mais dient großteils als Rohstoff der weltweiten Agro- und Fleischindustrie. Ihre Expansion bestimmt auch die Dynamik des Anbaus und des internationalen Handels.

Von Robert Poth

Strom- und Wärmeerzeugung mit Mais: Biogas-Anlage auf der deutschen Nordseeinsel Pellworm.© Jörg Böthling

Hat die Coronavirus-Pandemie etwas mit dem Mais zu tun? Ja. Hat sie: Als die Treibstoffnachfrage in den USA im Zuge der Corona-Krise einbrach, fielen die Maispreise auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren.

Der Hauptgrund: Der Verkehrssektor ist für den Maisabsatz essenziell – mehr als ein Drittel der US-Maisproduktion wird zu „Bioethanol“ verarbeitet und als Treibstoffzusatz genutzt. Die USA sind dabei zwar Spitzenreiter, doch handelt es sich um eine weltweite Praxis. Auch die EU schreibt bestimmte Biotreibstoff-Anteile vor. 16-17% der Maisernten landen derart im „Tank“ oder werden in Biogas verwandelt. Inwieweit das zum Klimaschutz beiträgt, ist umstritten. Sicher ist, dass bloß ein Fünftel dieser Mengen ausreichen würde, die Unterernährung weltweit zu beseitigen.

Mais ist das einzige Getreide, das in einem nennenswerten Ausmaß energetisch genutzt wird. Mais ist zudem für die Futtermittelindustrie sehr wichtig: Mehr als 60% der Produktion werden in der Tiermast verwendet; weitere 9-10% werden industriell zu Stärke und zahlreichen weiteren Produkten verarbeitet. Nur 12-13% der Maisernten dienen direkt der menschlichen Ernährung. Das ist einzigartig: Bei Reis sind es 80% und bei Weizen 68%.

Historische Expansion. Mit der Zunahme des weltweiten Fleischkonsums und dem „Turbo“ Bioethanol, der Anfang des Jahrtausends zugeschaltet wurde, verzeichnete der weltweite Maisanbau von 2000 bis 2018 eine historische Expansion: Die Produktion erhöhte sich auf rund 1,15 Mrd. Tonnen, fast eine Verdoppelung – bei Weizen belief sich der Zuwachs auf 25%, bei Reis auf 31%. Hauptverantwortlich waren die USA, China und Südamerika, während die Erntemengen in der EU stagnierten.

Die Maisanbauflächen erhöhten sich im selben Zeitraum allerdings nicht im gleichen Ausmaß – es war auch eine kräftige Steigerung der weltweiten Erträge pro Hektar, die diesem Wachstum zugrunde lag.

Die Dominanz einiger weniger Länder im Maisanbau blieb davon unberührt: Auf die USA, China, die EU, Brasilien und Argentinien entfielen 2018 nach wie vor drei Viertel der Weltproduktion. Diese Stabilität ist auch auf die beschränkte Liberalisierung des Agrarhandels im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO zurückzuführen. Praktisch alle Länder sind in der Lage, ihre eigene Maisproduktion vor einer Verdrängung durch billigere Einfuhren zu schützen. Importiert wird daher in der Regel nur, was man selbst nicht erzeugen kann.

Rund 15 Prozent der Erntemengen werden derzeit international gehandelt, überwiegend als Futtermittel.

Die Nachfrage wird von einigen wenigen Ländern gedeckt: USA, Brasilien, Argentinien und der Ukraine, die übrigens einen rasanten Aufstieg hingelegt hat: Allein zwischen 2010 und 2018 versechsfachte das Land seine Maisausfuhren auf mehr als 30 Mio. Tonnen.

Die Importseite ist weniger konzentriert. Nummer Eins war 2018 die EU mit einem Anteil von rund 15 Prozent. Bemerkenswert ist übrigens, dass mit Mexiko, Zentralamerika und den Andenländern praktisch alle Ursprungsländer der Pflanze zu Maisimporteuren geworden sind. Auch auf der Importseite gab es zuletzt beachtenswerte „Aufsteiger“ – einen freiwilligen und einen unfreiwilligen: Vietnam erhöhte seine Maiseinfuhren von 2012 bis 2019 von 1,5 Mio. auf 11,5 Mio. Tonnen im Gleichschritt mit einer Expansion der Geflügel- und Schweinemast. China wiederum, traditionell bei Mais ein Selbstversorger, verdreifachte seine Importe in den letzten drei Jahren auf 7 Mio. Tonnen.

Dafür dürfte neben fallenden Lagerbeständen vor allem die Afrikanische Schweinepest (ASF) verantwortlich sein: Die chinesische Schweineherde wurde zumindest halbiert, während die Schweinefleischproduktion einen dramatischen Einbruch erlebte . Der Wiederaufbau der Schweineherde könnte noch länger für höheren Bedarf an Maisimporten sorgen.

Handelskampf mit Mais. Ob die USA davon profitieren werden, steht wegen der noch ungelösten Handelskonflikte mit China nicht fest. Mit seiner aggressiven Handelspolitik hat Präsident Donald Trump den US-Maisexporteuren jedoch bereits einen Bärendienst erwiesen: Im März 2018 hatte Washington „aus Gründen der nationalen Sicherheit“ Zölle auf Stahl- und Aluminiumprodukte unter anderem aus China, Brasilien, der EU und Südkorea in der Höhe von 25 bzw. 10% verhängt, gestützt auf den Trade Expansion Act von 1962. Brüssel schlug im Juni 2018 mit einem Zoll von 25% auf US-Ausfuhren in Höhe von 2,8 Mrd. Euro zurück, darunter Mais, Zuckermais und Frühstücksgetreide.

Die US-Maisexporte in die EU fielen umgehend von knapp zwei Mio. Tonnen auf Null. Dafür schnellten die Einfuhren aus der Ukraine, bereits seit einigen Jahren Hauptlieferant der EU, und aus Brasilien in die Höhe – mindestens 4,7 Mio. Tonnen könnten es laut EU-Kommission im laufenden Jahr sein. Dass es sich dabei um Gentech-Mais handeln dürfte (89%-Anteil in Brasilien), spielt ebenso wie bei den (weit umfangreicheren) Soja-Einfuhren keine Rolle, solange die jeweiligen Sorten für die geplante Verwendung in der EU zugelassen sind.

Keine „Grüne Revolution“. Kaum eine Rolle im Maishandel spielt übrigens Subsahara-Afrika. Exportierbare Überschüsse sind außer in Südafrika, das in der Regel die Nachbarn im südlichen Afrika versorgt, nicht vorhanden – u.a. weil die sogenannte „Grüne Revolution“ (die Ertragssteigerung mittels Düngemitteln, Pestiziden und verbessertem Saatgut) in der Region nicht stattgefunden hat.

Produktionserhöhungen der vergangenen Jahre verdanken sich einer stetigen Ausweitung der Anbauflächen, die Erträge stagnieren auf niedrigem Niveau. Höhere Importmengen hatte zuletzt nur Kenia zu verzeichnen (1,3 Mio. Tonnen).

In Subsahara-Afrika lag die Maisproduktion 2018 übrigens bei 71 Mio. Tonnen. Das sind bloß 40% der Mengen, die in den reichen Ländern in Bioenergie verwandelt werden. Eine Abkehr vom Bioenergie-Unfug ist leider nicht in Sicht. Einen kleinen Lichtblick eröffnet immerhin die gemeinsame Prognose der UN-Landwirtschaftsorganisation FAO und der OECD für die Periode 2018-2028: Die energetische Nutzung von Mais dürfte kaum mehr zunehmen, und auch die Fleischproduktion wird nur mehr halb so schnell zulegen wie von 2000 bis 2018.

Das Wachstum der Maisproduktion wird sich deutlich verlangsamen, mit einer „bescheidenen“ Erweiterung der Anbauflächen um elf Mio. Hektar (mehr als die Größe Österreichs) vor allem in Afrika, Lateinamerika und Indien, unter anderem durch eine Konversion von Weide- in Ackerland. Das ist zwar noch keine nachhaltige Anpassung an den Klimawandel, aber zumindest geht es langsamer in die falsche Richtung.

Robert Poth ist Journalist für internationale Wirtschaft und Übersetzer. Er lebt in Wien. Im Web: rpoth.at, rpoth.at/blog

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