Omans Erfolgsgeschichte sucht Fortsetzung

Sultan Qabus hat viel bewirkt. Aber nun ist der Oman an einem Wendepunkt angekommen. Robert Lessmann hat das Land besucht und berichtet von seinen Eindrücken.

„Geht wählen!“ wurden die Menschen in Maskat auf Plakaten aufgefordert. Am 25. Dezember 2016 fanden Kommunalwahlen statt.© Mohammed Mahjoub / AFP / picturedesk.com

Scheinbar unbeachtet von der Weltöffentlichkeit besteht mit dem Oman ein Hort der Stabilität in der Konfliktregion Naher Osten. Durch Sandwüsten vom arabischen Kernland getrennt und durch den Ozean mit Afrika und Indien verbunden, grenzt der Oman südwestlich an den implodierenden Jemen, wo die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran einen Stellvertreterkrieg führen.

Das Land hat 1.700 Kilometer Küste. Mit seiner Exklave Musandam im Norden kontrolliert der Oman die Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean verbindet. Ein Viertel der globalen Ölversorgung läuft hier durch. Musandam und der Iran sind nur 30 Seemeilen voneinander entfernt.

Der Oman hat eine fein balancierte Außenpolitik und unterhält gute Beziehungen zu verschiedenen Seiten: So manche Geiselbefreiung wurde hier diskret ausgehandelt, der Atomdeal zwischen Teheran und Washington soll in einem Sultanspalast eingefädelt worden sein.

Auch im Land entwickelten sich viele Bereiche in den vergangenen Jahrzehnten gut. Trotzdem machte der Arabische Frühling 2011 auch vor dem Oman nicht Halt. Und: Die Wirtschaft und die Frage der Nachfolge des Sultans stellen Herausforderungen dar.

Sultan für alle(s). Für Außenpolitik zuständig ist Sultan Qabus ibn Said al Said – in Personalunion auch Verteidigungs- und Finanzminister, und – seit 46 Jahren – dienstältester Regierungschef im Nahen Osten.

Bevor er mit 30 Jahren im Jahr 1970 mit Hilfe der Briten seinen eigenen Vater ins Londoner Exil putschte, galt das Land als das reaktionärste und das sich am stärksten isolierende der Region, selbst Sklaverei war Usus. Seit Mitte der 60er Jahre sprudelnde Öleinnahmen steckte er nicht mehr nur ins Militär, sondern in den Aufbau eines bis dato nicht vorhandenen Bildungs- und Gesundheitswesens sowie einer modernen Infrastruktur. Das löste einen Bauboom aus. Gigantomanische Wolkenkratzer sucht man aber vergeblich.

Traditionsbewusstsein bestimmt die Architektur, Natur- und Umweltschutz spielen eine Rolle. Zwischen 1965 und 1980 hatte Oman mit durchschnittlich 12,5 Prozent eine der höchsten Wachstumsraten weltweit. Wasser, Strom, Schulen und Asphaltstraßen erreichten bald jeden Winkel des Wüstenstaats. Unter dem Motto „meet the people“ unternahm der Sultan selbst dreiwöchige Konsultationsreisen durch sein Land, anfangs im Zelt.

Eine Art Verfassung. Im Oktober 1981 rief Sultan Qaboos eine 45-köpfige Konsultativversammlung ins Leben, die zunächst mit 17 Regierungsvertretern, 11 Repräsentanten der Regionen und 17 aus der Wirtschaft besetzt war. Das Gremium wurde sukzessive erweitert und um einen Staatsrat ergänzt; 1995 wurden erstmals Frauen in den Rat zugelassen. Seit 1996 gibt es eine Art Verfassung, „the Basic Statute of the State“. Seither hat die Versammlung beratende Funktion und darf heute Gesetze begutachten und vorschlagen. Aktuell wird diskutiert, ihr auch Gesetzgebungskompetenz zu geben. Minister sind ihr gegenüber auskunftspflichtig.

Ab 2003 durften alle Omanis, die über 21 Jahre alt sind, wählen. Das Wahlverhalten folgte allerdings stark alten Zugehörigkeiten zu Volksgruppen, und nur in Ausnahmefällen wurden Frauen gewählt. Als Reaktion darauf besetzte der Sultan im gleichen Jahr eine neu geschaffene Behörde für Handwerk und Klein­­­­industrie im Ministerrang erstmals mit einer Frau; weiblich besetzte Ministerien für Bildung, Tourismus und Soziales folgten.

Als bei steigender Arbeitslosigkeit gefordert wurde, dass Frauen ihre Arbeitsplätze zugunsten der Männer räumen sollten, erklärte der Sultan, das widerspräche den Grundsätzen des Islam. Auch in Fragen der Empfängnisverhütung interpretiert man den Koran zustimmend, was in Saudi-Arabien oder Iran undenkbar wäre.

Traditionelle Offenheit. Der Oman unterscheidet sich von anderen Golfstaaten dadurch, dass er über eine eigene, jahrhundertealte Tradition und Zivilisation verfügt. In der Tat unterhielt die Heimat von Sindbad dem Seefahrer ein Handelsnetz von Ostafrika bis China. Im 19. Jahrhundert verlegte Said ibn Sultan gar seinen Regierungssitz nach Sansibar.

Mit dieser Weltoffenheit hängt womöglich auch ein zweiter Unterschied zusammen: Mit dem ibaditischen Islam etablierte sich dort eine Glaubensform abseits von Sunna und Schia, die sich durch Mäßigung und Toleranz auszeichnet. Christen finden in der Hauptstadt Maskat Kirchen und Hindus Tempel – nur missionieren dürfen sie nicht.

Sultan Qabus wird oft mit einer Rede zitiert, die er einmal vor Studentinnen und Studenten gehalten hat: „In unserer Religion gibt es Toleranz, Moral und Offenheit, und im ehrwürdigen Koran rufen alle Verse zum Nachdenken und Überlegen auf. Diese Verse rufen nicht auf zum Erstarren und Nichtdenken oder dazu, einfach mit geschlossenen Augen mit dem Strom zu schwimmen!“

Der Motor stottert. Das Land hat deutlich weniger Ölreserven und finanzielle Ressourcen als die Nachbarstaaten. Man hat frühzeitig erkannt, dass man sich nicht auf die Petro-Dollars verlassen kann und auf Diversifizierung der Wirtschaft gesetzt. Der Oman ist der größte Fleischerzeuger der arabischen Halbinsel, fördert Landwirtschaft und Fischerei und der Tourismus trägt inzwischen fünf Prozent zum BIP bei; man investiert in Erdgas und seine Verflüssigung sowie in alternative Energien wie Wind und Sonne.

Doch in einem Land aus Sand und Stein ist das weder einfach noch billig. Es bleibt eine ausgeprägte Abhängigkeit vom Öl (85 Prozent der Staatskasse) und von ausländischen Arbeitskräften. Während das Wachstum noch 2008 bei satten 12,8 Prozent lag, musste man 2015 ein Budgetdefizit von 16 Prozent verbuchen.

Eine junge, gut ausgebildete Generation drängt in großer Zahl auf den Arbeitsmarkt und findet keine Jobs. Die Bevölkerung wächst sehr schnell und dürfte heute bei über vier Millionen liegen. Nach Zensus von 2010 waren es noch rund 2,8 Millionen gewesen, davon 816.000 Nicht-Omanis.

In der öffentlichen Verwaltung überwiegen die Einheimischen, im Privat­­­­sektor bei weitem die ausländischen Arbeitskräfte: Pakistanis, InderInnen, Bangladeschis. Im Zuge einer „Omanisierung“ versucht man das zu ändern. Ausländer bekommen eine Stelle erst, nachdem vier Omanis sie abgelehnt haben. Im November wurden die Gebühren für Arbeitsvisa um 50 Prozent erhöht.

Kritik und Forderungen nach Demokratisierung nehmen zu. Als es im Zuge des Arabischen Frühlings 2011 auch im Oman zu Demonstrationen und Ausschreitungen kam, reagierte die Regierung mit harter Hand – und zog sich Kritik von Amnesty International zu.

Ungeklärte Nachfolge. Der Sultan ist zwar immer noch populär, aber 76 Jahre alt, schwer krank und kinderlos. Seine Nachfolge ist ungeklärt. Sollte sich nach seinem Tod ein Familienrat innerhalb von drei Tagen nicht auf eine Nachfolge einigen, wird es die Person, die der Sultan im Testament bestimmt hat. In vielerlei Hinsicht ruhen die Hoffnungen auf den vielen jungen und gut ausgebildeten TechnokratInnen, die heute das professionelle Fundament der Regierung und die Verwaltung im Oman bilden.

Oman Air, die nationale Fluggesellschaft, ist mit der Erschließung von Nischendestinationen eine der am schnellsten wachsenden Airlines, im Windschatten von Emirates, Etihad und Qatar. Der Manager von Oman-Air sagte kürzlich zu einem deutschen Wirtschaftsblatt: „Wir fliegen unter dem Radar, aber wir wissen wohin.“ Der Oman als Ganzes will das weiterhin auch so machen.

Robert Lessmann bereiste kürzlich den Oman.

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