Das Gegenteil von Gut … ist gut gemeint

Von Redaktion ·

Daniel Rössler

Seifert Verlag, Wien, 240 Seiten, € 22,95

Dieses Buch wird alle verstören, die sich freiwillig in Afrika engagieren. Der Österreicher Daniel Rössler hat mit detektivischem Spürsinn ein Phänomen erforscht, das die fatale Kombination von Solidarität, Paternalismus und gewiefter Geschäftemacherei wie kaum ein anderes in der Entwicklungszusammenarbeit offenbart: Das Geschäft mit der Freiwilligenarbeit in den zahlreichen Waisenhäusern in Ghana.

Der Wunsch, nicht nur einen abenteuerlichen Urlaub in Afrika zu verbringen, sondern auch der armen Bevölkerung konkret zu helfen – und den Daheimgebliebenen stolz und bildreich darüber berichten zu können – hat in Ghana zu einem regelrechten Boom an Waisenhäusern in entlegenen Regionen geführt. Hier dürfen sich Besucherinnen und Besucher gegen ein Entgelt von bis zu 3.000 US-Dollar pro Monat um die Waisenkinder kümmern, mit ihnen spielen, Hausübungen machen und kochen. Mindestqualifikationen sind dabei keine nötig, auch die „Einsatzdauer“ bestimmt allein der oder die Freiwillige. Das erschreckende dabei: 90 Prozent der vermeintlichen Waisenkinder haben Familie und werden von den Betreibern der Waisenhäuser bei armen Familien mit dem Versprechen, gut für sie zu sorgen, rekrutiert.

In mehreren Reisen hat sich Rössler diesem schwer durchschaubaren Phänomen angenommen. Er hat Waisenhäuser besucht, die Familien von vermeintlichen Waisenkindern ausgeforscht und mit Beamtinnen ebenso gesprochen wie mit Direktoren von Waisenhäusern. Dabei gelingt Rössler weit mehr als eine spannende Reportage: Sein Buch hat die literarische Qualität eines Romans, in kraftvollen Bildern und sehr persönlichen Sequenzen lässt er die Leserinnen und Leser teilhaben an seiner schwierigen Mission, im Zuge derer er die Hintergründe und Drahtzieher dieses absurden Geschäftsmodells herausfinden will. Der Autor macht es sich nicht leicht, er bietet keine einfachen Erklärungen, sondern rollt ein komplexes Geflecht an Bedürfnissen, Abhängigkeiten und Erwartungen auf. Gekonnt und sehr unmittelbar vermittelt er die Perspektiven der Protagonistinnen und Protagonisten – der Kinder und ihrer Eltern, der Freiwilligen und sogar der Geschäftemacher.

Immer tiefer verstrickt sich Rössler in die Widersprüchlichkeiten des Freiwilligentourismus – und zeigt am Ende eine bittere Wahrheit: Obwohl alle Beteiligten augenscheinlich das Beste wollen, ist das Ergebnis weit davon entfernt, gut zu sein. Es ist eher das Gegenteil.
Friedbert Ottacher

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