„Immer härterer Diskurs“

Von Redaktion ·

Der Konflikt in Chiapas, den Präsident Fox in 15 Minuten zu lösen versprach, lebt weiter. Offenbar will ihn die Regierung im Rahmen eines gigantischen Modernisierungsplanes, des Plan Puebla-Panama, „auflösen“. Werner Hörtner sprach mit dem Soziologen Onécimo Hidalgo Domínguez aus Chiapas.

Südwind: Wie fühlen sich die Menschen in Chiapas, nachdem die Regierung Ende April ein ganz anderes Indígena-Statut als das von den Zapatisten geforderte – und von Präsident Fox versprochene – verabschiedet hat?

Domínguez: Die indianischen Gemeinden sind dennoch nicht mutlos. Der Zapatistenmarsch nach Mexiko hat zwar nicht sein Ziel, die Umsetzung des San Andrés-Abkommens, erreicht, doch er hat durch das sehr positive Echo in der Öffentlichkeit den Menschen Selbstvertrauen gegeben. Sie wissen, dass es ein langer Kampf sein wird, der vielleicht noch mehrere Regierungen lang andauert.

Was ist die Strategie der Zapatisten nach der Abänderung des Indígena-Statuts durch den Kongress?

Was ihre Strategie ist, müssten sie selbst sagen, mit ihren eigenen Worten. Aber bis jetzt haben sie noch nichts verlauten lassen. Was in den Vereinigten Staaten am 11. September passiert ist, hat die weltpolitischen Spielkarten völlig neu gemischt. Das müssen auch die Zapatisten zur Kenntnis nehmen, wenn sie eine neue Initiative starten. Sie müssen die interventionistische Politik der USA und auch des Präsidenten Fox offen legen. Der Diskurs wird immer härter. Fox spricht ganz offen von Terrorismus in Mexiko.

Aber es ist doch absurd, ausgerechnet die Zapatisten mit Terrorismus in Verbindung zu bringen.

Ja, das mag uns so erscheinen. Aber man darf nicht vergessen, dass die öffentliche Meinung in Mexiko, genau so wie in den Vereinigten Staaten, sehr stark von den Medien manipuliert wird. Allein wenn jetzt die Zapatisten immer mit Waffen abgebildet werden, beeinflusst das schon die Menschen.

Man hört immer öfter vom Plan Puebla-Panama sprechen. Worin besteht denn eigentlich dieser Plan?

Ich will versuchen, es in sechs Punkten zusammenzufassen. Es ist ein riesiger Modernisierungs- und Entwicklungsplan, der ganz den Interessen der Vereinigten Staaten entspricht. Er soll das Problem der illegalen Einwanderung in die USA lösen, indem die Migrationsgrenze vom Norden Mexikos in den Süden verlegt wird. Und hier im Süden sollen neue Kommunikationswege aufgebaut werden – Straßen, Eisenbahnen, Telefonnetze, Häfen -, um die Region zu „entwickeln“. Es soll eine neue Zone für Maquilas, also für diese Weltmarktbetriebe werden. Zwischen den mexikanischen Häfen am Pazifik und am Atlantik sollen Verkehrskorridore errichtet werden, um für den US-Handel zumindest teilweise den Panama-Kanal zu ersetzen.
Da es in dieser mesoamerikanischen Region noch eine starke Biodiversität gibt, können die transnationalen Unternehmen hier ihre gentechnischen Forschungen durchführen. Ein anderer Aspekt ist, dass, wenn die Migranten aus Mittel- und Südamerika bereits an der Südgrenze Mexikos gestoppt werden, sich hier ein großes Heer von billigen Arbeitskräften ansammeln wird. Schließlich ist auch eine Militarisierung dieser Region vorgesehen, um diese ganzen Wirtschaftsinteressen zu verteidigen. In Guatemala sind heute bereits 12.500 US-Soldaten stationiert.


Onécimo Hidalgo Domínguez arbeitet als Forscher und Pädagoge am „Zentrum für Analyse, Forschung und Kommunikation“ (CIEPAC) in San Cristóbal, Chiapas, und unterrichtet als Soziologe an der Universität Chiapas. (CIEPAC gibt auch ein Informationsbulletin heraus, siehe www.ciepac.org.)
Er war auch als Berater der CONAI tätig, der Friedenskommission des früheren Bischofs Samuel Ruiz.

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