Katar setzt auf die Fußball-Strategie

Von Ronny Blaschke · · 2022/Mai-Jun
Dauer-Baustelle: Noch vor fünfzig Jahren eine verschlafene Gemeinde, hat sich Doha heute als Regionalmacht am Persischen Golf etabliert. © Ronny Blaschke

Katar ist seinen Nachbarn am Persischen Golf militärisch unterlegen. Zum Ausgleich verfolgt das kleine Emirat eine aufwendige Strategie der Soft Power mit Investitionen in Wissenschaft, Kultur und vor allem in Fußball.

Beim Halbfinale der Fußball-Asienmeisterschaft 2019 der Männer werfen Zuschauer*innen des Gastgebers in Abu Dhabi Flaschen und Schuhe auf die Mannschaft aus Katar. Abu Dhabi ist die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, kurz VAE, einer wohlhabenden Öl-Monarchie am Persischen Golf. Die VAE sind ein wichtiger Partner Saudi-Arabiens. Beide Staaten machen seit Jahren mobil gegen den geopolitischen Einfluss aus Katar.

Drei Tage nach dem Halbfinale gewinnt Katar das Endspiel gegen Japan und ist erstmals Asienmeister. „Der Fußball ist ein Spiegel der Spannungen am Golf“, sagt Jassim Matar Kunji, früher Torhüter in der katarischen Profiliga und nun Journalist beim katarischen Fernsehsender Al Jazeera. „Es wurden Sponsorenverträge zwischen den Ländern gekündigt und Spielertransfers abgesagt.“

2017 hatte sich ein alter Konflikt am Golf neu zugespitzt. Zu jener Zeit verhängte Saudi-Arabien eine wirtschaftliche Blockade über Katar. Die VAE, Bahrain und Ägypten schlossen sich an und setzten ihre diplomatischen Beziehungen mit der katarischen Hauptstadt Doha ebenfalls aus.

Ihr Vorwurf: Katar würde Terrorgruppen unterstützen und pflege eine zu große Nähe zur Muslimbruderschaft und zum Iran. Saudi-Arabien stellte Lebensmittelausfuhren nach Katar ein. Die staatliche Fluglinie Qatar Airways durfte den saudischen Luftraum nicht mehr nutzen.

„Viele in Katar haben eine Invasion von Saudi-Arabien für möglich gehalten“, sagt Jassim Matar Kunji. Die Armee Saudi-Arabiens zählt rund 200.000 Soldaten, die von Katar 12.000. Um diese Unterlegenheit auszugleichen, verfolgt Katar eine aufwendige Strategie der Soft Power: mit milliardenschweren Investitionen in Kultur, Wissenschaft und Fußball, mit Großveranstaltungen oder Sponsoren-Partnerschaften bei Großklubs wie Paris Saint-Germain oder beim FC Bayern München. Die Austragung der Fußball-WM der Herren 2022 ist der wichtigste Teil dieser Strategie.

Weckruf Kuwait. Noch vor gut fünfzig Jahren lagen die arabischen Machtzentren in Kairo, Bagdad oder Damaskus. Die kleinen Scheichtümer auf der Arabischen Halbinsel wie Kuwait, Bahrain oder Katar spielten keine Rolle. 1990 marschierte der Irak in Kuwait ein, die USA rückten zur Befreiung an. In den kleineren Staaten der Region setzte sich das Bewusstsein durch, dass sie bei einem vergleichbaren Angriff unterlegen wären.

Traditionell werden in Katar die wichtigsten Entscheidungen von einer Handvoll Menschen getroffen, schreibt der Politikwissenschaftler Mehran Kamrava in seinem Buch „Qatar: Small State, Big Politics“. 1995 setzte Herrscher Hamad bin Chalifa Al Thani in einem unblutigen Putsch seinen eigenen Vater ab. Der neue Emir wollte Katar aus der Umklammerung Saudi-Arabiens lösen. Er ließ den Nachrichtensender Al Jazeera aufbauen und öffnete die Wirtschaft für ausländische Investoren. In Doha entstanden Zweigstellen westlicher Universitäten.

Interessiertes Europa 

In Norwegen haben Fußballfans und Spieler besonders intensiv über einen Boykott der Fußball-WM in Katar diskutiert. Was nur wenige wissen: Zwischen Norwegen und Katar gibt es ein Freihandelsabkommen. Norwegische Unternehmen haben fast neun Milliarden Euro in Katar investiert, unter anderem in Landwirtschaft und Meerestechnik.  

Die staatliche „Qatar Investment Authority“ hat in Dutzenden Ländern mehr als 350 Milliarden Dollar angelegt. Gut ein Viertel in Großbritannien, den USA und Frankreich. Katar hält Anteile an Wertpapierbörsen wie der in London und an Banken wie Barclays und Credit Suisse.  Auch in Deutschland ist der katarische Staatsfonds einer der größten Auslandsinvestoren, mit einem Volumen von rund 25 Milliarden Euro. Katar hält etwa Anteile an Volkswagen oder der Deutschen Bank. Zudem sind deutsche Konzerne an Großprojekten in Katar beteiligt.

Europäische Staaten, nicht zuletzt Österreich, interessieren sich seit dem Einmarsch Russlands in der Ukraine stark für Flüssigerdgas (LNG) aus den Golfemiraten als Alternative zu russischem Erdgas. Im März reisten mit Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP), Energieministerin Leonore Gewessler (Grüne) und Rohstoffministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) gleich drei Regierungsmitglieder in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Katar.    R. B./red

Mit diesen Maßnahmen sicherte sich Katar Kontakte in den Westen, doch eine globale Öffentlichkeit erhielt die Soft Power noch nicht. „Die Staaten am Golf wollen neue Wirtschaftszweige entwickeln. Denn ihre Einnahmequellen Öl und Gas sind endlich“, sagt der Sportwissenschaftler Mahfoud Amara von der Universität von Katar in Doha. „Der Sport dient als Strategie, um auch andere Sektoren wie Tourismus, Handel oder Transportwesen bekannter zu machen.“

Das Herrscherhaus ließ eine der größten Sportakademien der Welt bauen, die Aspire Academy. Dutzende Wettbewerbe finden nun jährlich in Doha statt. International Schlagzeilen machte das erst 2010 mit der Vergabe der WM 2022. Kurz danach erwarb Katar die Mehrheit von Paris Saint-Germain. Zudem wurde Qatar Airways der Trikotsponsor des FC Barcelona.

Brennglas Fußball. In der Golfregion konkurriert Katar um Investoren, Tourist*innen und Fachkräfte vor allem mit Abu Dhabi und Dubai, den beiden einflussreichsten Kleinstaaten der VAE. Der Fußball ist ein Brennglas auf Gebietsansprüche und religiöse Spannungen.

Katar bezog Stellung während des Arabischen Frühlings 2011 und auch danach: für die Muslimbruderschaft in Ägypten, für islamische Kräfte in Tunesien, für die Rebellen in Libyen gegen Gaddafi und in Syrien gegen Assad.

Diese Spirale der Feindseligkeiten in der Region hätte sich wohl weitergedreht, doch dann kam Corona. Der ohnehin niedrige Ölpreis brach ein, ausländische Investitionen gingen zurück, der noch junge Tourismussektor verlor zehntausende Arbeitsplätze. Anfang Jänner 2021 beendete Saudi-Arabien nach dreieinhalb Jahren die Blockade gegen Katar. Auch Riad und Dubai wollen von der WM 2022 profitieren. Wenn schon nicht mit Turnierspielen, dann mit Trainingscamps, Sponsorenevents oder der Beherbergung von Fans.

Keiner der Staaten am Persischen Golf wird demokratisch regiert. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen 2021 liegt Katar von 180 Staaten auf Rang 128. Homosexuelle müssen mit Verfolgung rechnen. Wenzel Michalski von Human Rights Watch sieht es kritisch, dass Vereine aus demokratisch regierten Ländern wie der FC Bayern die katarische Außenpolitik mit ihren Partnerschaften aufwerten: „Wenn europäische Klubs auf den Profit nicht verzichten wollen, dann könnten sie zumindest den wenigen kritischen Aktivisten vor Ort mehr Interesse entgegenbringen.“

Arbeitshölle Katar. Die Herrscherfamilie lässt vor allem die 250.000 katarischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger am Wohlstand teilhaben, ihr Pro-Kopf-Einkommen ist eines der höchsten weltweit. Die mehr als 2,3 Millionen Arbeitsmigrant*innen, die u.a. Sportstätten bauen, haben es wesentlich schwerer. Tausende Menschen aus Indien, Bangladesch oder Nepal erkrankten bei den hohen Sommertemperaturen oder kamen ums Leben.

Kritik kommt dabei nicht nur von internationalen Menschenrechtsorganisationen, sondern auch aus dem Emirat. „Einige Geschäftsleute haben Bedenken, dass sich Katar durch die WM zu sehr öffnen könnte“, sagt Politikwissenschaftler Kamrava, der zur Georgetown University in Doha gehört. Konservative Kreise sehnen sich nach der Zeit zurück, in der Katar noch nicht unter Dauerbeobachtung stand. Sie fürchten, dass Fußballfans Ende des Jahres bei der WM Alkohol in der Öffentlichkeit trinken und Homosexuelle ihre Sexualität nicht verbergen.

Schon 2018 ließ der Emir die Alkoholpreise durch Steuern massiv erhöhen, an der Universität von Katar ersetzte er als Hauptsprache Englisch durch Arabisch – Zugeständnisse an konservative Kreise.

Kamrava: „Durch die WM kann die Politik Reformen schneller voranbringen, die Teile der Wirtschaft nicht wirklich wollen.“ In welche Richtung Katar sich entwickelt, lässt sich aber wohl erst einige Jahre nach der WM sagen.

Ronny Blaschke ist als Journalist und Buchautor spezialisiert auf politische Themen in der Sportindustrie. Zuletzt erschien von ihm 2020 „Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution“. Twitter: @RonnyBlaschke

Tipp: Initiative „Unser Spiel für Menschenrechte“, unserspiel.at

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