Kein Dämon, kein Gott

Die Dalai-Lama-Biographie von Colin Goldner hat gleich nach ihrem Erscheinen 1999 viel Staub aufgewirbelt. Auch unsere Aktion, dieses umstrittene Buch im November-SÜDWIND als Werbegeschenk anzubieten.
Wir haben dazu Meinungen von Fachleuten eingeholt:

Tibet, genauer die Wahrnehmung von Tibet im Westen, ist ein Paradefall für das Auftreten von Vorurteilen aller Art. Die einen idealisieren Tibet und die anderen dämonisieren es. Bereits die frühesten Quellen – zumeist verfasst von christlichen Missionaren - sehen in den TibeterInnen entweder Vorbilder in Sachen Frömmigkeit und Religion oder aber Teufelsanbeter.
Das Buch von Colin Goldner, „Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs“, ist eines der Paradebeispiele der Gattung Dämonisierung. Beide Strategien, Idealisierung und Dämonisierung, bedienen allerdings häufig die selben Stereotypen. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Kultur, Geschichte und Religion Tibets ist selten. Gerade die intellektuell und künstlerisch hochdifferenzierte tibetische Tradition stellt an einen westlich erzogenen Menschen hohe Ansprüche. Wer den Dalai Lama z.B. als „Gottkönig“ bezeichnet, zeigt, dass er oder sie keine Ahnung von der Geschichte Tibets und dem Weltbild des Buddhismus in Tibet hat. Der Dalai Lama ist erstens kein König, sondern das Oberhaupt der Gelugpa, eines der großen buddhistischen Ordens. Tibet war auch nie nach dem Muster eines europäischen Nationalstaats mit durchgehender Bürokratie organisiert, sondern eine Assoziation von Stammesverbänden. Nur der 5. Dalai Lama herrschte tatsächlich über Tibet.

Der Dalai Lama ist auch kein Gott, sondern die Verkörperung des transzendenten Bodhisattvas Avalokiteshvara, dem „Bodhisattva des Erbarmens“, der auf die Hilfeschreie der Leidenden reagiert und seinerseits eine Erscheinungsform des Amitabha-Buddha, des Buddha des Unendlichen Lichts ist. Dieser Umstand sagt aber nichts über die Persönlichkeit des jeweiligen Dalai Lama aus – so war der 6. Dalai Lama z.B. den Frauen, dem Wein und den Künsten sehr zugeneigt, aber politisch desinteressiert. Die tibetischen Verhältnisse sind also nicht einfach auf westliche Vorurteile reduzierbar. Die Vorstellung, dass sich ein Ordensoberhaupt und spiritueller Lehrer immer wieder neu verkörpert, gibt es in Tibet seit dem 13. Jahrhundert.
Hätte sich Goldner in seinem Buch auf solche differenzierte Darstellungen eingelassen, hätte ihm das zwar eine Menge Arbeit beschert, den LeserInnen aber einiges an Einsichten gebracht. Doch leider hat der Autor vor allem nach Bestätigung seiner Vorurteile gesucht. Und das ist im Positiven wie Negativen für das Gespräch zwischen Kulturen nie förderlich. Wer über eine fremde Kultur etwas lernen will, muss zuerst die Brille der eigenen Kultur, die auf der eigenen Nase sitzt, wahrnehmen.
Ursula Baatz


Es reicht ein kurzer Blick in das Buch von Colin Goldner, um zu wissen, dass es dem Autor nicht um eine kritische Auseinandersetzung mit einer Weltreligion geht, sondern um die Diffamierung eines der höchsten Vertreter des Buddhismus. Dieses Buch ist in einer derart gehässigen Sprache geschrieben, dass es schwer, ja beinahe unmöglich wird, sich mit den Angriffen auf den Dalai Lama und den Buddhismus auseinander zu setzen.
Eine kleine Auswahl der Abrechnung mit der „Gelbmützendiktatur“ (wiederholtes, oft leicht variiertes Zitat Goldners) gefällig? Immer wieder betont Goldner das „endlose Hin- und Hergeschwafel“ des Dalai Lama, wenn er über dessen religiöse Abhandlungen spricht. Doch ist nicht das formelhafte Wiederholen bestimmter Glaubenssätze in allen (Welt-)Religionen gang und gäbe? Und wenn schon die Auswahl von Kindern für geistliche Berufe als Missbrauch thematisiert wird, muss dem nicht entgegengehalten werden, dass dies in allen (Welt-)Religionen praktiziert wird?

Doch am meisten empört uns als MenschenrechtsaktivistInnen der GfbV Goldners Abhandlungen über die chinesische Invasion und deren Folgen. Nahezu gleich lautend mit chinesischen Propagandaschriften verharmlost er auf unglaubliche Weise grauenhafte Menschenrechtsverletzungen und Unterdrückung jeglicher Autonomiebestrebungen mit brutaler Gewalt: „Man plappert ungeprüft die Gräuelgeschichten der exiltibetischen Regierungspropaganda nach“, greift Goldner die Tibet-Unterstützungsgruppen und Menschenrechts-Organisationen an. Geradezu lächerlich und traurig zugleich seine Argumentation, dass der friedliche Widerstand der Tibeter eine Schimäre sei, da tibetische Mönche mit Holzprügel auf die chinesischen Besatzer losgegangen sind.
Der Platz reicht hier nicht aus, um auf alle Untergriffe einzugehen - und dieses Buch ist es wohl auch nicht wert.
Daniela Luschin

nach oben