„Faktische Straffreiheit“

Was haben die Pogrome aus Kirgistan gemacht und was ist zu tun? Meike Kloiber sprach für das Südwind-Magazin mit Dominik Zwicky, der in Osch für die französische Hilfsorganisation ACTED arbeitet.

Dominik Zwicky

Südwind-Magazin: Wie verhalten sich die ethnischen Kirgisen zu den Pogromen?
Dominik Zwicky:
Konsens besteht weitestgehend darin, dass die ursächliche Schuld auf Seiten der Usbeken liegt. Die kirgisische Leseart besagt, dass die Usbeken seit längerem auf eine heimliche Abspaltung von Kirgistan hingearbeitet hätten und die Pogrome eine – wenn auch etwas übertriebene – Form der nationalen Selbstverteidigung gewesen seien. Es zeigt sich gegenwärtig ein ähnliches Bild wie bei vielen ethnisch legitimierten Konflikten: Der Einzelne mag noch als Freund wahrgenommen werden, den Usbeken an sich traut man aber nicht über den Weg. Dieses Bild spiegelt sich natürlich sinngemäß auch auf der anderen Seite.

Können die Flüchtlinge in Osch und Dschalalabad bleiben?
Wir haben begonnen, die Häuser an Ort und Stelle wieder aufzubauen. Es war nicht einfach, eine Genehmigung von den Behörden dafür zu erhalten. Denen wären Unterkünfte am Stadtrand beziehungsweise in usbekisch dominierten Dörfern lieber gewesen. Wir haben uns letztlich aber durchgesetzt, denn es kann nicht Ziel unserer Arbeit sein, die ethnische Säuberung zu zementieren. Die Trennung der Volksgruppen ist eine absolute Notlösung, die ihrerseits die Probleme nicht zu lösen vermag, wie das Beispiel Kosovo zeigt. Wir stellen fest, dass der Konflikt politisch instrumentalisiert wird – insbesondere von einigen lokalen Akteuren, die mit der Drohung eines Bürgerkrieges ihre gegenwärtige Machtstellung erhalten wollen.

Was ist in Zukunft dringend notwendig?
Unterkünfte und Sicherheit sind gegenwärtig die zentralen Bedürfnisse. Ersteres kann durch humanitäre Organisationen gewährleistet werden. Die Sicherheitslage hängt stark davon ab, inwieweit sich die mäßigenden Elemente in der Regierung durchsetzen können. Gegenwärtig herrscht insbesondere in Osch eine faktische Straffreiheit für alle gegen Usbeken begangenen Straftaten, da Teile des Apparats diese tolerieren – oft sogar mit finanziellem Gewinn. Wir unterstützen lokale Organisationen, welche diese Zusammenhänge offenlegen. Außerdem setzen wir bewusst auf gemischt-ethnische Aufbauteams, um der Bildung von Stereotypen entgegenzuwirken. Gleichzeitig kommt den internationalen Geldgebern und Partnern Kirgistans eine wichtige Rolle zu, da sie maßgeblichen Einfluss auf die Machtverhältnisse haben.

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