Glokal gesehen

Trotz der rasant zunehmenden Bedeutung des Internets bleibt das Fernsehen das weltweit dominierende Massenmedium. Dabei werden Menschen nicht mehr ausschließlich als passive MedienkonsumentInnen verstanden, sondern vielmehr als aktive RezipientInnen, die Medien und deren Botschaften mit unterschiedlichen Bedeutungen versehen.

Von Philipp Budka

Fernsehen ist und war nie gleichmäßig über die Erde verteilt. Während etwa die USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die damalige UdSSR bereits in den 1920er und 1930er Jahren erste Fernsehstationen vor allem in Städten errichteten, dauerte es etwa für viele Länder des südlichen Afrika bis in die 1960er und 1970er, ehe nationale Fernsehnetze etabliert wurden. Dies bedeutete dann aber nicht, dass plötzlich jede/r ein Fernsehgerät zur Verfügung hatte und Fernsehprogramme überall empfangen und konsumiert werden konnten. Bis heute hat sich an der ungleichen Verteilung des Zugangs zu Fernsehen kaum etwas verändert und spiegelt weiterhin weltweite Gegensätze wider: Metropole und Peripherie, Reich und Arm, mit Infrastruktur ausgestattet oder nicht.

Nationales, aber auch regionales und lokales, Fernsehen ist wichtig, um Nachrichten und Neuigkeiten zu erfahren; es dient als kulturelles Referenzsystem und auch als alltägliche Diskussionsgrundlage. Wie bei anderen Kommunikationstechnologien und Medien auch unterscheiden sich beim Fernsehen im staatlichen und regionalen Vergleich Technologieverbreitung und Infrastrukturvoraussetzungen, politische und ökonomische Produktionsbedingungen, Formen und Praktiken der Rezeption sowie Programmformate und Inhalte. Die Wissenschaft sucht indes Antworten auf Fragen, wie beispielsweise nach der Produktion von individuellen und kollektiven Identitäten, der Konstruktion von Gemeinschaft oder der Verschiebung von Machtverhältnissen im Kontext von Medienprozessen. Dabei werden Menschen nicht mehr ausschließlich als passive MedienkonsumentInnen verstanden, sondern vielmehr als aktive RezipientInnen, die in der Lage sind, Medien und deren Botschaften mit unterschiedlichen Bedeutungen zu versehen. Medienrezeption, also Fernschauen, lässt sich so als Konstellation von Prozessen verstehen, die Unterschiedliches beinhaltet: direkte Reaktionen auf Medieninhalte ebenso wie das Decodieren von Medienbotschaften, das Verhalten oder die Einstellung der Menschen gegenüber Medientechnologien, das Verhältnis von MediennutzerInnen innerhalb sozialer Gruppen zueinander und die ökonomischen, kulturellen und materiellen Bedingungen von Medienbesitz und -nutzung.

Zunächst ein kurzer Blick auf die Entwicklung der Medientechnologie Fernsehen in drei ausgewählten Ländern des globalen Südens: Indien, Brasilien und Nigeria.
In Indien begann das Fernsehen wie überall: als zunächst kleines rundfunktechnisches Experiment, das vorerst vor allem ausgewählten StadtbewohnerInnen vorbehalten war. So konnten in den späten 1950er, den 1960er und auch noch in den 1970er Jahren nur Teile der indischen Bevölkerung fernsehen. Erst 1982 wurde das Fernsehen als staatlich kontrolliertes Massenmedium, das den gesamten indischen Nationalstaat erreichte, etabliert. Inhaltlich basierten die ersten in dieser Zeit produzierten Fernsehserien auf traditionellen, hinduistisch-religiösen Erzählungen bzw. Texten.

In den 1990er Jahren wurde der indische Fernsehmarkt dann für private Kabel- und Satellitenfernsehsender geöffnet. Unter diesen befinden sich nun sowohl globale US-amerikanische und asiatische Sender wie CNN und Star TV als auch lokale indische Fernsehkanäle wie Zee TV, die von mittlerweile mehr als 100 Millionen Haushalten konsumiert werden können. Besonders das Satellitenfernsehen hat sich in Indien durchgesetzt. So können je nach Region und technischer Ausstattung mehr als 500 Satellitenfernsehkanäle empfangen werden.


„TV da gente“: Der erste TV-Sender Brasiliens, der in Besitz von Schwarzen ist.

Fernsehen in Brasilien wurde etwas früher als in Indien bereits Anfang der 1950er Jahre eingeführt. Aber auch hier dauerte es fast 20 Jahre und bedurfte der massiven politischen Unterstützung der damaligen Militärregierung, bis das Medium wirklich Fuß fassen und von einer breiten Masse an Menschen genutzt werden konnte. Besonders der von der Regierung unterstütze nationale Sender TV Globo dominierte die brasilianische Fernsehlandschaft und begann vor allem in den 1970er Jahren, Telenovelas als typisch brasilianische Sendeformate zu produzieren. Diese „Fernsehromane“ sind billig produzierte, meist sehr emotionale Serien, die hunderte bis tausende Folgen lang sein können. Viele ZuseherInnen bilden eine starke emotionale Bindung zu „ihren“ Stars und der Handlung. Die brasilianischen Telenovelas wurden sehr erfolgreich weltweit exportiert. Die brasilianische Regierung unternahm hier, wie viele andere nationalstaatliche Regierungen auch, mithilfe des Fernsehens den Versuch, ein nationales Identitätsgefühl zu konstruieren. Tatsächlich ist dieses Fernsehprodukt aber ein transnationales und hybrides Konstrukt brasilianischer und US-amerikanischer Populärkultur. Denn das Format der Telenovelas entwickelte sich ursprünglich aus US-amerikanischen Werbesendungen, die darauf abzielten, Produkte am lateinamerikanischen Markt zu verkaufen.

Nachdem Mitte der 1980er Jahre die Militärregierung einer zivilen Regierung wich, liberalisierte sich auch die Fernsehlandschaft und neue nationale und internationale Sender konnten sich in Brasilien etablieren. In den letzten Jahren zeichnete sich der brasilianische Fernsehmarkt vor allem durch Einbrüche bei den ZuseherInnenzahlen aus. Dieser Umstand wird vor allem der steigenden Konkurrenz durch globales Kabel- und Satellitenfernsehen, DVDs und dem Internet zugeschrieben. Andererseits erweisen sich viele brasilianische Fernsehformate als Exportschlager, die sich vor allem in portugiesischsprachig Ländern großer Beliebtheit erfreuen.

In Nigeria wurde Ende der 1950er Jahre begonnen, Fernsehen einzuführen. Auch hier war es vor allem der Staat, der Rundfunk und Fernsehen als Nationalidentität stiftende Massenmedien verstand und entsprechend kontrollierte und förderte. Auch heute noch ist die Fernsehlandschaft Nigerias einerseits geprägt durch die staatlich kontrollierten Sender NTA 1 und NTA 2, die sowohl regionales als auch nationales Programm anbieten. Andererseits versuchen private Anbieter und regionale Satellitenfernsehsender in den letzten Jahren verstärkt, am nigerianischen und regionalen Fernsehmarkt mitzumischen. Diese Sender sind zwar in Nigeria angesiedelt, in ihrer Programm- und Sendegestaltung aber weniger national sondern vermehrt global auf andere afrikanische und auch karibische Staaten ausgerichtet. So kann auch im nigerianischen Fall ein zunehmender Export von Fernsehprogrammen und Formaten festgestellt werden.

Fernsehen im globalen Süden ist, auch wenn es als Identität stiftendes Werkzeug verwendet wurde und auch weiterhin wird, eigentlich ein hybridisiertes Phänomen, das sowohl von globalen als auch von lokalen Prozessen sowie unterschiedlichen kulturellen Elementen beeinflusst und geformt wird. Dabei werden auch in Zeiten zunehmender und beschleunigter Globalisierung nationale, regionale und lokale Fernsehinhalte und Medienstrukturen nicht zwangsweise verdrängt oder zerstört.

Importierte Fernsehformate, die längst nicht mehr alle nur aus den USA kommen, beeinflussen zwar lokale Formate und Inhalte, verändern diese auch, aber sie konnten diese in den letzten Jahrzehnten nur in den seltensten Fällen verdrängen. Wie Studien belegen, sind es vor allem in der „Primetime“ lokale, linguistisch und kulturell an die jeweilige Gesellschaft angepasste Fernsehformate, die überwiegen. Wie etwa das Beispiel MTV zeigt, werden globale Fernsehformate bei entsprechendem Bedarf an die lokalen Umstände, die Sprache und die kulturellen Gegebenheiten angepasst, kurz sie werden lokalisiert (siehe Artikel S. 40/41).

Als Beispiel für ein hybrides Fernsehformat, das erfolgreich den Spagat zwischen globaler Programmvorlage und lokalen Kontexten vollführt, lässt sich die indische Fernsehsendung Adarsha Dampathigalu („Das ideale Paar“) anführen. Diese Spielshow, die zur „Primetime“ seit 1994 im regionalen Kabelfernsehsender Udaya TV ausgestrahlt wird, ist dem US-amerikanischen Format des Newlywed Game nachempfunden. Dabei müssen jungverheiratete Paare Fragen beantworten, um so zu zeigen, wie gut sie einander kennen, oder eben nicht. Im indischen Regionalkontext sorgen beim Publikum – die Show ist immerhin eine der beliebtesten Sendungen in Bangalore, der drittgrößten Stadt Indiens – vor allem die verheirateten Frauen für Diskussionsstoff, da sich für sie in der Fernsehöffentlichkeit die ungewohnte Möglichkeit bietet, offen und kritisch über ihre Ehe und ihren Partner zu sprechen. Ein globalisiertes Fernsehformat trägt so zur öffentlichen Diskussion lokaler und traditioneller Geschlechterrollen und -verhältnisse bei.

Etwas anders sieht es bei Nachrichtensendern und Nachrichtenformaten aus. Hier dominieren weltweit vor allem die US-amerikanischen und britischen Sender CNN und BBC, wobei auch regionale Nachrichtensender wie Al Jazeera aus Katar zunehmend an globaler Bedeutung gewinnen (siehe Interview S. 42). Ebenso lässt sich eine globale Dominanz US-amerikanischer Unterhaltungsformate wie Actionfilme und (Vorabend-)Fernsehserien feststellen. Auf Ebene der Medienproduktion und -distribution durch transnationale Medienkonzerne kann ebenfalls ein Trend zur Regionalisierung festgehalten werden. Ähnlich wie bei Medienformaten und Inhalten dominieren viele unterschiedliche Unternehmen, die sich vor allem aus wirtschaftlichen Gründen lieber auf regionale und transregionale Märkte konzentrieren als auf den Weltmarkt.

Nichtsdestotrotz lassen sich auch globale Entwicklungen sowohl auf technologischer Ebene, etwa im Trend zu digitalem und Satellitenfernsehen, als auch auf inhaltlicher Ebene mit transnationalen Formaten, wie Spiel- oder Talentshows oder manchen „Soap Operas“, feststellen. Absehbar ist ebenfalls, dass in den kommenden Jahren und mit entsprechend globaler Verbreitung der notwendigen Infrastruktur das Fernsehen als Medium mit dem Internet als Technologie verschmelzen wird und dann beispielsweise digitales Fernsehen „on demand“ an Bedeutung auch in Ländern des Südens gewinnen wird.

Der Ethnologe Richard Wilk untersuchte anhand des Fernsehens in Belize die Art und Weise, wie Menschen über das Fernsehen diskutieren. Andererseits stellt sich Wilk die Frage, wie globale Fernsehtechnologien und -inhalte die menschliche Vorstellung und Wahrnehmung von Zeit verändern.

In Belize, das bis 1981 noch britische Kolonie war, wurde schon in den frühen 1980er Jahren versucht, Satellitenfernsehsignale, gesendet zumeist aus den USA, illegal abzufangen und auszustrahlen. Erste öffentliche Debatten über den Einfluss des ausländischen Fernsehens auf die noch junge Nation waren die Folge. Ab den 1990er Jahren konnten dann schon weite Teile der Bevölkerung mehrere Fernsehsender, darunter auch US-amerikanische Kanäle, via Kabel und Satellit empfangen. Das Fernsehen hatte auf die multi-ethnische Nation Belize nach Wilk zwei verbindende Auswirkungen. Erstens, auf der Ebene der Inhalte: Die EinwohnerInnen Belizes konnten nun auf die gleichen Informationsquellen zugreifen und darüber sprechen, auch wenn es sich dabei vorwiegend um US-amerikanische Nachrichten und Unterhaltungsprogramme handelte. Zweitens löste das Fernsehen eine gemeinschaftliche Debatte über die Auswirkungen des Mediums auf die Nation und das Verhältnis Belizes zur nun durch das globale Fernsehen besser bekannten Welt aus. Innerhalb dieser Debatte sind die BelizerInnen zwar unterschiedlicher Meinungen, sie sprechen aber über Themen und Dinge, die sie fast alle gesehen und erfahren haben. Wilk spricht deswegen von einer „gemeinsamen Sprache“. So werden im Diskurs über das Fernsehen etwa die Besonderheiten der belizischen Küche, Musik oder Sprache im globalen Kontext debattiert.

Zum Weiterschauen

Hafez, Kai
Mythos Globalisierung. Warum die Medien nicht grenzenlos sind.
Verlag für Sozialwissenschaften 2005

Parks, Lisa, Kumar, Shanti (Hrsg.)
Planet TV: A Global Television Reader.
New York University Press 2003

Straubhaar, Joseph
World television: From global to local.
Sage Publications 2007

Zeitschrift Televizion
www.br-online.de
www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/publikationen.htm

Zapping International
Jeden Sa. ca. 12:00 auf arte.

Globales Fernsehen, so argumentiert Wilk, ist ebenso in der Lage, Teile der kolonialen ideologischen Macht- und Abhängigkeitsstrukturen aufzuweichen und zu zerstören. Er verwendet den Begriff der „kolonialen Zeit“, der ein System beschreibt, das Zeit mit scheinbar unüberbrückbarer geografischer Distanz und kultureller Differenz verbindet. In Kolonialzeiten wurde der Fluss der Zeit von den VertreterInnen der „modernen“ Kolonialländer bestimmt, die sich selbst als RepräsentantInnen des „Fortschritts“ begriffen. Und obwohl die Menschen in den Kolonien ständig versuchten, den modernen und fortschrittlichen „Mutterländern“ etwa in Mode, Sprache und Sitten nachzueifern, konnten sie diese nie einholen. In diesem ungleichen Verhältnis zwischen „modernen Kolonialländern“ und „rückständigen Kolonien“ kam der lokalen Elite, die Kontakt zu den Metropolen der „modernen Welt“ unterhielt, eine entscheidende Funktion zu. Sie konnte, solange sie die „Rückständigkeit“ ihres Landes akzeptierte, als Vertreterin der Moderne auftreten.

Mit der Einführung des Satellitenfernsehens konnte plötzlich ein Großteil der EinwohnerInnen Belizes an Live-Übertragungen beispielsweise der Olympischen Spiele, der Spiele der US-amerikanischen Basketballliga oder an globalen Fernsehnachrichten teilnehmen. Und das Ganze zur gleichen Zeit wie die Menschen in den urbanen Zentren der „modernen Welt“. Damit wurde die Distanz zwischen Metropolen und Peripherie zumindest ein Stück weit aufgehoben. Außerdem verlor die Elite Belizes so an Bedeutung in ihrer Rolle als Trendsetterin. So gut wie jede/r konnte in „Soap Operas“, globalen Nachrichten und US-amerikanischen Werbungen sehen, wie reiche Menschen etwa in den USA gekleidet waren und sprachen.

Die „TV Zeit“, wie Wilk diesen zeitlichen Abschnitt nennt, zerstörte also einen der „Stützpfeiler“ der kolonialen Weltordnung. Wobei die Kontrollmacht über Produktion, Inhalte und Verbreitung auch in post-kolonialen Zeiten weiterhin in den urbanen Zentren einiger weniger Staaten und nicht in Belize City liegt. Zusammenfassend stellt Wilk fest, dass die TV-Zeit einerseits erlaubt, die Vergangenheit von der Gegenwart zu trennen und so etwa belizisches Essen, das während der Kolonialzeit noch als altmodisch und primitiv galt, als Ethnofood oder Nationalgericht neu zu definieren. Andererseits ist globales Satellitenfernsehen sicher kein Allheilmittel für ehemalige Kolonialländer, sondern muss kritisch als Medientechnologie hinterfragt werden.

Philipp Budka ist Mitarbeiter an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien. Seit 2006 hält er Lehrveranstaltungen zu Medienanthropologie und Internetforschung am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie.
www.philbu.net

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