„Was man exportiert, kommt wieder zurück“

Die Saudi-Arabien-Expertin Madawi al-Rasheed erklärt im Gespräch mit Südwind-Redakteur Richard Solder, inwieweit der Wahhabismus für die konservativen und patriarchalischen Strukturen in der absoluten Monarchie verantwortlich ist.

Neue Lektüre: Die Wissenschafterin Madawi al-Rasheed blättert nach dem Interview interessiert in einem Südwind-Magazin.

Südwind-Magazin: In den vergangenen Monaten machte Saudi-Arabien vor allem wegen des Autofahrverbotes für Frauen Schlagzeilen. Wieso wurde gerade das Thema ein öffentliches?
Madawi al-Rasheed:
Es gibt kaum Journalisten, die nach Saudi-Arabien kommen, um von dort zu berichten. Da es keine kritische Berichterstattung über die Situation im Land gibt, wird nicht über Angelegenheiten informiert, die wichtiger wären. Die Kampagne „Women2Drive“ wurde zu einer globalen Kampagne, mit Unterstützern auf der ganzen Welt. Zudem polarisiert das Thema in Saudi-Arabien und beschäftigt die Bevölkerung, während ernstere Probleme eben nicht angesprochen werden.

Welche Probleme wären das?
Etwa die Frage der Repräsentation: Frauen wie Männer sind in Saudi-Arabien in keiner demokratischen Institution vertreten. Es wird den Menschen zudem nicht erlaubt, sich zivilgesellschaftlich zu organisieren. Und dann gibt es noch Themen, die Frauen betreffen: Die Inklusion in die Arbeitswelt sowie die Notwendigkeit für ein Rechtssystem, das ihren rechtlichen Status regelt – von der Frage der Scheidung bis zur Obsorge der Kinder. Männer müssen haftbar gemacht werden, so weit, dass sie sich etwa nicht von ihren Kindern abwenden können.  

Der wahhabitische Islam ist in Saudi-Arabien Staatsreligion. Ist diese sehr konservative Religionslehre für die Situation in der Gesellschaft verantwortlich?
Die Realität ist komplizierter. Wenn man sich die Staaten in der Region ansieht, fällt auf, dass diese einiges mit Saudi-Arabien teilen, was die Religion betrifft. Katar ist ebenso wahhabitisch geprägt. Wieso dürfen Frauen dort dann Autofahren? Die Situation in Saudi-Arabien hat viel mit Öl zu tun. Die Öl-Industrie ist eine maskuline Industrie, hier gibt es sehr wenig Beschäftigung für Frauen. Der, grundsätzlich natürlich positive, Effekt des Wohlstandes führt zudem dazu, dass sich viele Menschen in Saudi-Arabien Luxus leisten können, wie etwa die Beschäftigung von Chauffeuren. Im Endeffekt entscheidet zudem die Politik, auch in Saudi-Arabien. Oftmals gegen die religiöse Lehre, wenn man etwa an das saudische Bankwesen und das im Islam bestehende Zinsverbot denkt. 

Agieren Saudi-Arabiens Machthaber rund um König und Premierminister Abdullah ibn Abd al-Aziz also mehr pragmatisch als ideologisch?
Es gibt eine säkulare Logik des Staates, also wie ein Staat gelenkt werden muss, damit er überlebt. Das gilt für Saudi-Arabien ebenso. Das Land wird nicht von der Religion gesteuert. 

Die globale Entwicklung des Dschihadismus hat aber doch viel mit Wahhabismus und mit Saudi-Arabien zu tun …
Ja, absolut! Das Land hat seit den 1980er Jahren Ideen exportiert, die instrumentalisiert wurden, als es darum ging, dschihadistische Bewegungen zu bilden. Die ursprüngliche Idee war allerdings, den Dschihad im Ausland zu führen. Aber dann kam er „nach Hause“ und Saudi-Arabien hatte zwischen 2003 und 2008 selbst ein Terror-Problem. Es machte klar, alles, was man exportiert, kommt auch wieder zurück…

Wo können wir die säkulare Logik Saudi-Arabiens festmachen?
Zum Beispiel bei den arabischen Aufständen: Im Fall von Ägypten etwa stellte sich Saudi-Arabien gegen die Islamisten. Die Führung des Landes will verhindern, dass sich Islamismus in Kombination mit Demokratie durchsetzt. Saudi-Arabien bietet ein eigenes islamistisches Modell an und toleriert keine anderen.

Und im Syrien-Konflikt, in dem Saudi-Arabien die Opposition gegen Baschar al-Assad unterstützt?
Saudi-Arabien wollte in Syrien seinen großen Rivalen besiegen, den Iran. Riad befürchtet, Einfluss in der Region zu verlieren – noch mehr, seit sich die USA und der Iran annähern. Mittlerweile geht es im Syrien-Konflikt um Konfessionen, Schiiten gegen Sunniten.

Wie kam es dazu?
Das geht zurück auf den Irakkrieg 2003: Was nach Saddam Hussein kam, war kein demokratisches System. Das Land wurde nach Konfessionen aufgeteilt. Daraufhin änderten dschihadistische Bewegungen ihre Ausrichtung, der globale Dschihad wurde zu einem konfessionellen. Das wurde durch den Bürgerkrieg in Syrien noch schlimmer. Schon bald hatte dieser Konfessionalismus den Libanon erreicht. Die ganze Region ist in einem konfessionellen Konflikt gefangen.

Wer oder was kann diese Entwicklung noch stoppen?
Nur eine grenzübergreifende Pro-Demokratie-Bewegung. Das Problem ist, dass nationales Denken der Menschen in der Region diese oft verhindert.

Madawi Al-Rasheed ist Gastprofessorin am Middle East Centre der London School of Economics and Political Science sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Open Society Foundation. Die gebürtige Saudi-Araberin forscht u. a. zu Geschichte, Gesellschaft, Religion, Politik und Geschlechterbeziehungen in ihrer Heimat und den anderen Golfstaaten. Sie besuchte im November auf Einladung des Vidc Wien.

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