Die Welt vereint in Ungleichheit

Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty erobert mit seinem hoch gelobten Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ die Bestsellerlisten und revolutioniert das Nachdenken über Ungleichheit. Ein Kommentar von Andreas Novy.

Andreas Novy

Thomas Piketty; Wirtschaftsprofessor an der Paris School of Economics, hat mit seinem Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ geschafft, was sozialen Bewegungen und WissenschaftlerInnen lange nicht gelungen ist: Ungleichheit ist wieder Thema. Mit Statistiken über die Einkommen und Vermögen der Superreichen können nun erstmals verlässliche Aussagen über die längerfristige Entwicklung von Ungleichheit innerhalb einzelner Länder gemacht werden. Viele wichtige Informationen über Ungleichheit sind von Piketty und seinem Mentor Sir Anthony Atkinson über die „World Top Incomes Database“ frei zugänglich online gestellt worden.

Was Pikettys Studie klarmacht: Der in den vergangenen Jahrzehnten dominante Neoliberalismus führt zu einer Einkommens- und Vermögensverteilung, die derjenigen des liberalen 19. Jahrhunderts ähnelt. Herausragend sind die Veränderungen in den USA: 1928 erzielte das „reichste Prozent“ der EinkommensbezieherInnen knapp ein Fünftel, also 20 Prozent, des nationalen Volkseinkommen der USA. Dieser Anteil sank durch Weltkrieg und Wohlfahrtskapitalismus bis 1973 auf rund acht Prozent, um dann 2012 erneut auf rund 19 Prozent anzusteigen.

Diese Entwicklung zeigt sich auch in europäischen Ländern, allen voran im Vereinigten Königreich. Sicherlich waren die beiden verheerenden Kriege und die Angst vor Revolutionen ein wichtiger Grund für den Rückgang der feudalen, aus dem 19. Jahrhundert stammenden Ungleichheiten.

Doch dies kann nicht die ganze Erklärung sein. Denn an der Peripherie der Weltwirtschaft, in Südafrika und Argentinien zum Beispiel, lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten. Dabei handelt es sich um Länder, die von den beiden Kriegen nur am Rande betroffen waren.

So sank der Anteil des reichsten Prozents am Volkseinkommen in Argentinien von rund einem Viertel im Jahr 1943 auf rund sieben Prozent 1973. Nicht nur in der Zeit der Militärdiktatur, sondern auch während der neoliberalen Redemokratisierung stieg dieser Anteil bis 2003 erneut auf rund 17 Prozent.

Gleiches gilt für Südafrika, das statistisch gesehen eine ähnliche Entwicklung wie Argentinien durchmachte. So überraschend es klingt: Während der Apartheid sank der Anteil des reichsten Prozents, während er nach der Apartheid erneut stark anstieg.

Eine Antwort Pikettys: Die hohen Wachstumsraten der Nachkriegszeit ermöglichten ein stärkeres Wachstum des „Kuchens“ für die Mehrheit der Menschen als das Wachstum der Kapitaleinkommen der Reichen. Dies endete, angefangen im Süden mit der Machtergreigung Augusto Pinochets in Chile 1973 und im Norden 1979, als Margaret Thatcher britische Premierministerin wurde. Die neoliberale Gegenbewegung setzte ein: Seitdem wächst der Reichtum der Reichen unvergleichlich schneller als die Wohlfahrt der restlichen 99 Prozent.

Über Österreich sagt die Datenbank von Piketty und Atkinson übrigens nichts. Denn Österreich gehört zu jenen Ländern, die Kapitaleinkommen separat und damit geringer besteuern als sonstige Einkommensarten. Das wahre Ausmaß der Ungleichheit wird bis zur Abschaffung der begünstigten Kapitalertragsbesteuerung anders als in den USA und Frankreich verschleiert bleiben.

Was können wir aus diesen Zahlen lernen? Die kapitalistische Weltwirtschaft strukturiert die Entwicklungschancen weltweit, wobei Dynamiken im globalen Norden und Süden enger verwoben sind als manche vermuten. Sowohl im Wohlfahrtskapitalismus in Europa und Nordamerika als auch im Entwicklungsstaat des Südens reduzierte sich die Ungleichheit nach den Weltkriegen vorübergehend stark.

Pikettys Verdienst ist es zudem, gezeigt zu haben: Ungleichheit ist kein Schicksal, Ungleichheit wird gemacht. Politik macht einen Unterschied!

Die formale Demokratisierung mit politischen Teilhaberechten, wie sie im Post-Apartheid-Südafrika erreicht wurde, schuf für sich allein keine gerechte Gesellschaft.

Notwendig ist vielmehr der politische Wille der Regierenden, allen Menschen Chancen zur sozialen Teilhabe zu ermöglichen. Südafrika, das auf Privatisierung und einen Fürsorgestaat setzte, konnte diese Chance vorerst nicht nutzen. Anders in Lateinamerika. Dies ist der Kontinent, auf dem sich die Ungleichheit in diesem Jahrtausend verringerte. Mit erhöhten Mindestlöhnen und einer Vielzahl begleitender Sozialprogramme sank in vielen Staaten der Analphabetismus ebenso wie die Massenarmut. Gleichzeitig werden die Gewinne der Bergbaukonzerne zumindest teilweise für Sozial-ausgaben verwendet. Von diesen Erfolgen, allen voran in Brasilien, gäbe es für den Rest der Welt einiges zu lernen.

Andreas Novy ist ao. Universitätsprofessor an der WU und Obmann der Grünen Bildungswerkstatt.

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